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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
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Cnstos in besagter Bibliothek, und er ist seht nicht mehr im Stande, dieseskleine Amt zu verwalten. Hauptsächlich mit dem Ertrag seiner literarischenArbeite» bestritt er den Unterhalt einer zahlreichen Familie. Blindheit ist wohldie härteste Heimsuchung, die einen deutschen Gelehrten treffen kann. Sietrifft diesmal die bravste Seele, die gefunden werden mag; Münk ist uneigen-nützig bis zum Hochmuth, und bei all seinem reichen Wissen von einer rüh-renden Bescheidenheit. Er trägt gewiß sein Schicksal mit stoischer Fassungund religiöser Ergebung in den Willen des Herrn»

Aber warum muß der Gerechte so viel leiden auf Erden? Warum mußTalent und Ehrlichkeit zu Grunde gehen, während der schwadronircnde Hans-wurst, der gewiß seine Augen niemals durch arabische Manuskripte trübenmochte, sich räkelt auk den Pfühlen des Glücks und fast stinkt vor Wohlbeha-gen ? Das Buch Hiob löst nicht diese böse Frage. Im Gegentheil, diesesBuch ist das Hohelied der Skepsis, und es zischen und pfeifen darin die ent-setzlichen Schlangen ihr ewiges: Warum? Wie kommt es, daß bei der Rück-kehr aus Babylon die fromme Tempelarchiv-Commission, deren PräsidentEsra war, jenes Buch in den Canon der heiligen Schriften ausgenommen ?Ich habe mir oft diese Frage gestellt. Nach meinem Vermuthen thaten solchesjene gotterleuchteten Männer nicht aus Unverstand, sondern weil sie in ihrerhohen Weisheit wohl wußten, daß der Zweifel in der menschlichen Natur tiefbegründet und berechtigt ist, und daß man ihn also nicht täppisch ganz unter-drücken, sondern nur heilen muß. Sie verfuhren bei dieser Cur ganz homöo-pathisch, durch das Gleiche auf das Gleiche wirkend, aber sie gaben keine ho-möopathisch kleine Dosis, sie steigerten vielmehr dieselbe auf's ungeheuerste,und eine solche überstarkc Dosis von Zweifel ist das Buch Hiob; dieses Giftdurfte nicht fehlen in der Bibel, in der großen Haus-Apotheke der Menschheit.Ja, wie der Mensch, wenn er leidet, sich ausweinen muß, so muß er sich auchauszweifcln, wenn er sich grausam gekränkt fühlt in seinen Ansprüchen aufLebensglllck; und wie durch das heftigste Weinen, so entsteht auch durch denhöchsten Grad des Zweifels, den die Deutschen so richtig die Verzweiflungnennen, die Krisis der moralischen Heilung. Aber wohl demjenigen, der ge-sund ist und keiner Mcdici» bedarf!

Heine. V.

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