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in jedem Jahre gepfiffen und gesungen wurden, und den manchem Licblingsliedcder Zeit werden die Anfänge mitgctheilt. So vermeldet sie von Anno 1180,daß man in diesem Jahre in ganz Deutschland Lieder gepfiffen und gesungen,die süßer und lieblicher, als alle Weisen, so man zuvor in deutschen Landenkannte, und Jung und Alt, zumal das Frauenzimmer, sei ganz davon ver-narrt gewesen, so daß man sie von Morgen Ins Abend singen hörte; dieseLieder aber, seht die Chronik hinzu, habe ein junger Clericus gedichtet, der vonder Misselsucht behaftet war und sich, vor aller Welt verborgen, in einer Einödeaufhielt. Du weißt gewiß, lieber Leser, was für ein schauderhaftes Gcbrcsteim Mittelalter die Misselsucht war, und wie die armen Leute, die solchem un-heilbarem Siechthum verfallen, aus jeder bürgerlichen Gesellschaft ausgestoßenwaren und sich keinem menschlichen Wesen nahen durften. Lebendig Todtcwandelten sie einher, vermummt vom Haupte bis zu den Füßen, die Kapuzeüber das Gesicht gezogen, und in der Hand eine Klapper tragend, die soge-nannte Lazarusklapper, womit sie ihre Nähe ankündigten, damit ihnen jederzeitig aus dem Wege gehen konnte. Der arme Clericus, von dessen Ruhmals Liederdichter die obgenannte Limburger Chronik gesprochen, war nun einsolcher Misselsüchtiger, und er saß traurig in der Ocde seines Elends, wäh-rend jauchzend und jubelnd ganz Deutschland seine Lieder sang und pfiff!O, dieser Ruhm war die uns wohl bekannte Verhöhnung, der grausame SpaßGottes, der auch hier derselbe ist, obgleich er diesmal im romantischen Costumcdes Mittelalters erscheint. Der blasirtc König von Judäa sagte mit Recht:es giebt nichts Neues unter der Sonne — Vielleicht ist diese Sonne selbst einalter aufgewärmter Spaß, der mit neue» Strahlen geflickt, jcßt so imposantfunkelt!
Manchmal in meinen trüben Nachtgesichtcn glaube ich den armen Clcrikusder Limburger Chronik, meinen Bruder in Apoll, vor mir zu sehen, und seineleidenden Augen lugen sonderbar stier hervor aus seiner Kapuze; aber imselben Augenblick huscht er von bannen, und verhallend, wie das Echo einesTraumes, hör' ich die knarrenden Töne der Lazarus-Klapper.
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