Druckschrift 
5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
46
Einzelbild herunterladen
 

-

46

Gelehrte das erwähnte Thema behandelt; aber sie haben es sozusagen ein-gesargt in die hölzernen Mumienkastcn ihrer confnscn und abstractcn Wisscn-schaftSsprache, die'daS große Publikum nicht entziffern kann und sür ägyptischeHieroglyphen halten dürfte. AuS solchen Grüften und Bcinhäuscrn habe ichden Gedanken wieder zum wirklichen Leben heraufbeschworen, durch die Zau-bcrmacht des allgemein verständlichen Wortes, durch die Schwarzkunst einesgesunden, klaren, volksthümlichen Stiles!

Doch ich kehre zurück zu meinem Thema, dessen Grundidee, wie oben an-gedeutet, hier nicht weiter erörtert werden soll. Nur mit wenigen Wortenwill ich den Leser darauf aufmerksam machen, wie die armen alten Götter,von welchen oben die Rede, zur Zeit des definitiven Sieges des Christcnthums,also im dritten Jahrhundert, in Verlegenheiten gericthcn, die mit älterentraurigen Zuständen ihres Götterlebens-die größte Analogie boten. Sicbefanden sich nämlich seht in dieselben bctrllbsamcn Nothwcndigkcitcn versetzt,worin sie sich schon weiland befanden, in jener uralten Zeit, in jener rcvo-lutionairen Epoche, als die Titanen auS dem Gewahrsam des Orcus heraus-brachen und, den Pclion auf den Ossa thürmcnd, den Olymp erkletterten.Sie mußten damals schmählich flüchten, die armen Götter, und unter allerleiVcrmummungcn verbargen sie sich bei uns auf Erden. Die meisten begabensich nach Aegypten, wo sie zu größerer Sicherheit Thiergcsialt annahmen, wiemänniglich bekannt. In derselben Weise mußten die armen Hcidcngötterwieder die Flucht ergreifen und unter allerlei Vcrmummungcn in abgelegenenVerstecken ein Unterkommen suchen, als der wahre Herr der Welt sein Krenz-banner ans die Himmclsburg pflanzte, und die ikonoklasiischc» Zeloten, dieschwarze Bande der Mönche, alle Tempel brachen und die verjagten Göttermit Feuer und Fluch verfolgten. Viele dieser armen Emigranten, die ganzohne Obdach und Ambrosia waren, mußten jetzt zu einem bürgerliche» Hand-werke greifen, um wenigstens das liebe Brod zu erwerben. Unter solchenUmständen mußte mancher, dessen heilige Haine confiscirt waren, bei uns inDeutschland als Holzhacker taglöhnern und Bier trinken statt Nektar. Apolloscheint sich in dieser Roth dazu bequemt zu haben, bei Viehzüchtern Dienste zunehmen, und wie er einst die Kühe des Admctos weidete, so lebte er jetzt alsHirt in Nicderöstcrrcich, wo er aber, verdächtig geworden durch sein schönesSingen, von einem gelehrten Mönch als ein alter zauberischer Heidengotterkannt, den geistlichen Gerichten überliefert wurde. Aus der Folter gestander, daß er der Gott Apollo sei. Vor seiner Hinrichtung bat er auch, manmöchte ihm nur noch einmal erlauben, auf der Zither zu spielen und ein Liedzu singen. Er spielte aber so herzrllhrend und sang so bezaubernd, und wardabei so schön von Angesicht und LcibcSgcstalt, daß alle Frauen weinten, javiele durch solche Rührung später erkrankten. Nach einiger Zeit wollte man