128. An Salomen Heine.
Lucca, den 15. September 18ZS.
Diesen Brief erhalten Sie aus den Bädern vonLucca aus den Apenninen, wo ich seit vierzehn Tagenbade. Die Natur ist hier schön und die Menschenliebenswürdig. In der hohen Bergluft, die man hiereinatmet, vergißt man seine kleinen Sorgen und Schmer-zen und die Seele erweitert sich.
Ich habe diese Tage so lebhast an Sie gedacht, ichhabe so oft mich danach gesehnt, Ihnen die Hand zuküssen, daß es wohl natürlich ist, wenn ich Ihnen schreibe.Wollt ich's aufschieben, bis ich wieder herabkomme undBitterkeit und Kummer wieder in meine Brust einziehen,so würde ich auch kummervoll Bitteres schreiben. Dassoll aber nicht geschehen, ich will nicht denken an dieKlagen, die ich gegen Sie führen möchte, und die vielleichtgrößer find, als Sie nur ahnen können. Ich bitte Sie,lassen Sie daher auch etwas ab von Ihren Klagen gegenmich, da sie sich doch alle auf Geld reduzieren lassen und,wenn man alle bis auf Heller und Pfennig in Bancoausrechnet, doch am Ende eine Summe herauskäme, dieein Millionär wohl wegwerfen könnte — statt daß meineKlagen unberechenbar sind, unendlich, denn sie sindgeistiger Art, wurzelnd in der Tiefe der schmerzlichstenEmpfindungen. Hätte ich jemals auch nur mit einemeinzigen Worte, mit einem einzigen Blick die Ehrfurchtgegen Sie verletzt oder Ihr Haus beleidigt — ich habees nur zu sehr geliebt! — dann hätten Sie recht, zuzürnen. Doch jetzt nicht; wenn alle Ihre Klagen zu-sammengezählt würden, so gingen sie doch alle in einen
338