Druckschrift 
1 (1906)
Entstehung
Seite
266
Einzelbild herunterladen
 

weit überragt. Dieses Stück ist jetzt meine Lieblings-lektüre. Es ist mir, als hätte ich es selbst geschrieben.Ich wollte nur wenige Zeilen schreiben. Aber ichund Frau von Varnhagen können nun ein für allemalkeine kurzen Briefe schreiben und daher wird meineliebe Freundin wohl wissen, warum ich gar nicht schreibe. Anfangs dachte ich ihr einen Dedikationsbries vor dasBuch drucken zu lassen, doch dieser wurde zu warm undzu lang, ein zweiter Brief wurde zu kurz und zu kühl, undnach dreimaligem Umgedrucktwerden erscheint endlich dasgegenwärtige Meisterstück dedizierender Beredsamkeit.Anbei auch die verunglückten und verworfenen Blätter.Eine andere, größere Not war der beängstigendeGedanke, daß das Buch im Grunde zu schlecht sei, um dergeistreichsten Frau des Universums dediziert zu werden.Doch mich tröstete der Gedanke, daß Frau von Varn-hagen nicht an mir irre wird, ich mag schreiben, was ichwill, Gutes oder Schlechtes. Bei Ihnen, Varnhagen,ist es etwas anders, Ihnen ist es nicht hinreichend, daßich zeige, wie viel Töne ich auf meiner Leier habe, sondernSie wollen auch die Verbindung aller dieser Töne zueinem großen Konzert und das soll derFaust"werden, den ich für Sie schreibe. Denn wer hättegrößeres Recht an meinen poetischen Erzeugnissen, alsderjenige, der all mein poetisches Dichten und Trachtengeordnet und zum Besten geleitet hat! EinigemalHab ich mich in der letzten Zeit mit Ihnen brouilliert, be-sonders vor sechs Monaten; Sie find nichts davon ge-wahr geworden, da ich Ihnen nichts schrieb. Aber derletzte Nebel solcher Gedanken schwand auf immer ausmeinem Gemüte, als ich vor drei Wochen von der Mutter

266