2? v. M. Luthers Auslegung des Vater UnserS w.
WaS sey, Gottes Wille geschehen und nicht geschehen.
Ohne Zweifel, Gottes Willen geschehen, ist nichts anders,denn seine Gebote halten. Denn durch seine Gebote hat er sei-nen Willen eröffnet-
Hier muß man nun wissen, was Gottes Gebote sind, undsie verstehen- Das ist eine weitlauftige Rede. Aufs kürtzeste istes nichts anders, denn den alten Adam in uns tobten, wie derheilige Apostel Paulus, (Rom- 6, 4. ff.) uns an vielen Ortenlehret. Der alte Adam ist nichts anders, denn daß wir in unsfinden böse Neigung zu Zorn, Haß, Unkeuschheit, Geitz, Ehre,Hoffart und dergleichen. Denn solche böse Tücke und Stückesind uns von Adam aufgeerbt und angeboren von Mutterleibe,aus welchen folgen allerlcy böse Wercke, Tödten, Ehebrechen, Rau-ben und dergleichen Gottes Gebots Uebertretungen, durch welchenUngehorsam Gottes Wille nicht geschieht.
Der alte Adam wird aus zweyerley Weise getödtet,dadurch Gottes Wille geschieht.
Zum ersten:
Durch uns selber, wenn wir unsere böse Neigung druckenund verhindern mit Fasten, Wachen, Beten, Arbeiten, die Un-keuschheit zwingen, mit Allmosen und freundlichen Diensten ge-gen unfern Feinden, den Haß und Unwillen brechen, und kürtzlichin allen Stücken unfern eigenen Willen brechen. Denn wo einMensch keinen Meister und Lehrer hat, dem ist die Lehre zu mer-cken und zu üben, daß er sich prüfe, worzu er einen Willen hat,daß er je das nicht thue. Denn das muß er frey dafür halten,daß sein Wille nimmer gut sey, er scheine, wie hübsch er mag,er sey denn gezwungen und gedrungen dahin, daß er es liebernachliefst. Denn, wie gesagt, wenn ein guter Wille in uns wäre,so dürften wir dieses Gebets nicht.
Und also soll ein Mensch sich selbst üben, daß er einen Ue-berwillen habe wider seinen Willen, und nimmer unsicherer sey,denn wenn er findet, daß nur ein Wille, und nicht zwecn Willenwider einander in ihm sind, und also sich gewöhne, dem Ueberwil-len zu folgen gegen seinen Willen. Denn wer seinen Willenhat und thut, der ist gewißlich wider Gottes Willen. Nun istkein Ding, das dem Menschen so fast liebt und so schwer zu las-sen ist, als sein Wille. Viel thun grosse, gute Wercke, aber ih-rem Willen und aller Neigung thun sie gantz folgen, und mey-nen dennoch, sie seyn wohl daran und thun nichts Übels. Denn