2.
Eine der Gefahren einer überspannten Fröm-migkeit, wie sie sich nach den Begriffen dermenschlichen Schwachheit gestaltet, ist, daß sie denGeist dessen, den sie ergriffen hat, in eine Sphäreversetzt, worin Alles seinen wahren Pflichten fremdist; daß sie an seine unbedeutendsten Handlungeneine Hoffnung ans Lohn, eine stolze Zuversicht desgöttlichen Beifalls knüpft, welche macht, daß erdie einfachen Tugenden der Menschlichkeit schal undohne wirklichen Zweck findet; und daß sie ihn inseinen eignen Augen so hoch erhebt, daß es ihmunmöglich wird, das Gute allein aus Liebe zumGuten zu thun, ohne sich in einer Art von Er-niedrigung zu finden.
3.
Die Religion sollte nur sein, und ist in derThat nur ein hohes Gefühl, eine hohe Begeiste-rung, so sehr über uns erhaben, daß wir unsderselben überlassen müssen, ohne uns Rechenschaftdavon zu geben. Die Theologen, welche sie durchpositive Thatsachen, Begriffe und Bilder zu erwei-sen suchen, entkleiden sie sofort des edelsten Theils