Anlage VI.
^rief des Kastor an Henriette Giebel betr. die
Überschwemmung.
Budberg, den 8. Febr. s?99-
Schon vor acht Tagen, liebe Jette, fing ich diesen Brief an dich an, aber ich wurde inder Fortsetzung durch das Tobeu und Dröhnen des eben losgehenden Rheines verhindert. 2>ch eilteaus meinem Hause nud mischte mich iu einen versammelten Haufen meiner Gemeindemitglieder,die in banger Trwartung dastanden, nud denen die Bngst vor einer verheerenden Überschwemmungdie Zungen band. Smmcr stärker und fürchterlicher hörbar ward das Knarren und Schieben desStromes, immer angstvoller die Töne und Gebärden der Bauern. Wir mochten eine halbe Stundegestanden haben — immer den Blick ans die Gegend des Rheines geheftet — siehe, da kommt derStrom über die höchsten Dämme! es rauscht von allen Seiten der Gegend, und in einer halbenStunde war ein Bezirk von vier Stunden iu eine offenbare See verwandelt. Unser Dorf liegt hochund blieb den Tag von der Überschwemmung befreit; aber den folgenden Tag wälzte sich dieFlut auf unsere Höhe hin, und die meisten Hänser des Dorfes standen im Wasser. Blies Haus-gerät wurde in der Tile auf den Söller gebracht, und mit dem Bieh, das, ehe man sichs versah,bis an den Bauch im Wasser stand, flüchteten alle Leute iu die Kirche, die auf einer starken Bn-höhe liegt. Jetzt war alles eine Flut, wo man hinsah; nur die Kirche, das Haus meines Nach-bars und das meinigc waren noch frei. — Da die hiesigen Häuser nur ein Stockwerk hoch sind,und die Leute wegen der einfallenden strengen Kälte unter dem Dache, wo sie nicht einheizenkonnten, es nicht ausznhalten vermochten, so kamen sie in Kuhtrögen, deren sie sich statt derNachen bedienten, zu uns hergeschwommen, und mein Haus ward der Zufluchtsort der Bedrückten.Gottlob, daß ich sie ausnehmen, ihre kalten Glieder erwärmen und die Hülslosen erquicken konnte.
Das Wasser schien seine Höhe erreicht zu haben; schon stand es höher als im Zahre s78fl;aber am 2. Tage der Überschwemmung stieg die Flut so hoch, daß das Wasser auch mein Hauserreichte. Noch tönt mir das angstvolle Schlagen aus die Glocken und das schreckliche Bngst-geschrei und Hülferufen der Unglücklichen entgegen, das von allen Seiten erschallte. Dich, keinerwar imstande, das Geringste zur Rettung dieser armen, mit dem Tode ringenden Ulenschen bei-zutragen; denn der Strom war so reißend, daß kein Nachen sich daraus halten konnte. So dauertedie Not zwei lange, mir ewig unvergeßliche, schreckliche Tage. Tndlich ward es stille; wir hörtenkein Geschrei, keine Hülserufe mehr' Dich, die Brmcn kouuten nicht mehr; Heiserkeit, Kälte nudHunger hatten ihnen die Sprache geraubt. — Bch Gott, was habe ich ausgestanden iu den zweifürchterlichen Tagen! Zch hatte Nahrung, Wärme und Sicherheit, und meine armen Nebeumenschen,meine lieben Gemeindeglieder, besonders in den entfernten Hundschaften kämpften mit dem schreck-lichsten Tode. Und sie wären unausbleiblich alle seine Beute geworden — denn alle Ustenschen-hülfe war vergeblich — wenn nicht Gott unser Schreien und Seufzen erhört und seine Baterarmenach uns ausgestreckt hätte. Durch die strenge Kälte, die uus iu unserm kindischen Wahne alsder letzte Schlag vorkam, baute Gott eine Brücke über das Wasser und ließ diese so stark werden,daß die Uleuschen und das noch lebende Bieh mit Sicherheit darüber gehen und sich einen trocknenund warmen Aufluchtsort suchen konnten. Da die Flut am höchsten war, war Gottes Hülse amnächsten. Bber wahrlich, die Not war auch aufs Höchste gestiegen! Nicht einen Tag länger hättees dauern können, so wären Ubenschen und Vieh rettungslos verloren gewesen. Das sieht man
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