Capitel S. 229
die Liebe. Denn er spricht nicht: du sollst freundlich seyn gegens deinen Nächsten, gib und beut ihm die Hand, thue ihm wohl,grüsse ihn, oder irgend ein ander äusserlich Werck, sondern.- habeihn lieb! sintemal ihrer viel sind, die da reden Frieden mit ihremNächsten, aber gleichwol ist nichts Gutes in ihrem Hertzen.v Ps. 28, Z.
Nachmals mahlet er auch ab gar einen edlen Gegenwurf.Denn er entziebt und nimmt hinweg alles Ansehen der Person,und spricht.- deinen Nächsten. Er spricht nicht: Du sollst liebenden Reichen, Gelehrten, Mächtigen, Weisen, Frommen, Ge-rechten, Schönen, den Kurtzwciligen, Summa, den oder den,sondern: deinen Nächsten. Und zeiget eben durch das an, daßwir allzugleich wol unterschiedlich seyn in der Person und Standevor den Menschen, aber gleichwol eines Teiges und gleicher Gel-tung bey Gott seyn. Denn wo man Aufmercken und Rechen-schaft machet auf den Unterscheid der Personen, so wird das Ge-bot von der Liebe gantz ausgerottet: daß also die Ungelehrten,Armen, Schwachen, Geringen, Unweisen, Sünder und derglei-chen verachtet werden. Denn die Menschen, die also gesinnetsind, bedencken allein das Ansehen der Person, das ist, die Larveund äusserlich Ansehen, und werden also betrogen.
Zum dritten gibt er derer beyder ein fast edel Exempel, undspricht: als dich selbst. Aller andern Gesetze Exempel sind zunehmen ausser uns, das aber wird uns innwendig in uns gezei-get; und nachmals, dieweil die ausserlichen Exempel nicht em-pfunden werden, auch nicht leben, so bewegen sie auch den Men-schen nicht gnugsam. Aber das Exempel empfindet man inn-wendig im Hertzen, lebet und lehret aufs kräftigste, nicht mitSchriften oder Buchstaben, nicht mit Stimmen, nicht mit Ge-dancken, sondern mit dem Sinne der Empfindlichkeit und Erfah-rung selbst. Denn wer empfindet nicht gantzlich in ihm, wie garer alle Dinge suchet, gedencket, versuchet, die ihm heilsam, ehrlich und nothdürftig sind? Aber eben dieser Sinn und Empfindlichkeit ist eben ein lebendiger Anzeiger, eine innerliche Vermahnung und eine gegenwärtige Lehre, was du dem Nächsten schul-dig bist, nemlich eben die Dinge, die du suchest, und eben miteinem solchen Hertzen. Was ist nun vonnöthen, daß wir unsI mit vielen Büchern plagen? Was suchen wir viel Meister? Wasbemühen wir uns selbst mit vielen unnützen Wercken und Ge-rechtigkeiten ? Denn hieher, das ist, zu diesem innerlichen Sinnund Affect sind alle Gesetze zu leiten und zu wenden, alle Bücher