Predigt am zwölften Sonntage nach Trinitalis. ZS
greifen, daß diß viel eine andere Predigt war, welcher solche Kraftund Wirckung folgete, und doch nicht mehr sagte, denn also, wieSt. Paulus Apg. 1.3, 3«. 3g. spricht: Durch diesen wird euchverkündiget Vergebung der Sünden, von dem allen, so ihr nichthabt können durchs Gesetz gerecht werden, aber in diesem werdenalle, die da glauben, gerecht.
Da siehest du nicht mehr die ledigen Buchstaben und eirelnHülsen oder Schalen des Gesetzes, welches immer treibet undsagt: Das sollst du thun und halten, und doch nichts gethan nochgehalten wird; sondern den rechten Kern und die Kraft, so Chri-stus mit seiner Fülle des Geistes bringet, daß, die dem Wort desEvangelii glauben mit rechtem Ernst, auch derselben Fülle gemes-sen, und ihnen zugerechnet wird, als hatten sie die Zehen Geboteerfüllet, wie Joh. 1, 16. 17. sagt: Von seiner Fülle haben wiralle empfangen Gnade um Gnade-, denn das Gesetz ist durchMosen gegeben, aber die Gnade und Wahrheit ist durch Christumworden.
Denn der Buchstabe tobtet; der Geist aber machet le-bendig.
Das ist noch harter wider den Ruhm der Gesetzpredigt ge-redet, und das Amt des Evangelii viel herrlicher gepreiset. Undist wol der Apostel allzukühne, daß er darf also das Gesetz angrei-fen und sagen: Es sey nicht allein ein lediger Buchstabe, sondernauch eine solche Predigt, die da nichts thut, denn tobtet. Dasheißt je nicht eine gute, nützliche; sondern eine lauter schädlichePredigt. Wer dürfte also reden, der nicht wollte aller Welt einverfluchter Ketzer seyn, und hingerichtet werden als ein Gotteslä-sterer, wenn es St. Paulus nicht selbst thäte? Nun muß er jadas Gesetz oder Gottes Gebot selbst loben, und sagt, daß es gutund köstlich sey, und müsse nicht verachtet noch nachgelassen, son-dern bestätiget und erfüllet werden (wie Christus Malth. 5, 18.auch sagt), daß nicht ein Titel davon untergehe. Wie kommt erdenn dazu, daß er so übel und gleich schmählich vom Gesetz redet,daß es im Grund nichts anders Heisse, denn eitel Tod und Gisst?Wolan, es ist eine hohe Lehre, so die Vernunft nicht verstehet,und die Welt, sonderlich die da wollen heilig und fromm seyn,gar nicht können leiden; denn es nicht anders gesagt ist, denndaß auch alle unsere Wercke, wie köstlich sie seyn, nichts sinddenn Tod und Gisst.
Aber St. Paulus will auch eben hicmit der falschen Lehrerund Heuchler Ruhm gewaltig umstossen, und anzeigen, was ihre