— 290 —
sen Gestalten sein. Kann er sich in dieser Hinsichtnicht legitimieren, so wird ihm der Dichtcrtitelabgesprochen, selbst wenn seine übrigen Familien-papiere und Adelsdiplome in der größten Ordnungsind. Dass Letzteres bei dem Grafen Platcn derFall sein mag, daran zweifle ich nicht, und ich binüberzeugt, er würde mitleidig heiter lächeln, wennman seinen Grafentitcl verdächtig machen wollte;aber wagt es nur, über seinen Dichtcrtitel miteiner einzigen Xcnie den geringsten Zweifel zu vcr-rathen — gleich wird er sich ingrimmig niedersetzenund fünfaktige Satiren gegen euch drucken. Denndie Menschen halten um so eifriger auf einen Titel,je zweideutiger und ungewisser der Titulus ist, dersie dazu berechtigt. Vielleicht aber würde der GrafPlaten ein Dichter sein, wenn er in einer anderenZeit lebte, und wenn er außerdem auch ein Ande-rer wäre, als er jetzt ist. Der Mangel an Natur-lauten in den Gedichten des Grafen rührt vielleichtdaher, dass er in einer Zeit lebt, wo er seine wahrenGefühle nicht nennen darf, wo dieselbe Sitte, dieseiner Liebe immer feindlich entgegensteht, ihm so-gar verbietet, seine Klage darüber unvcrhüllt aus-zusprechen, wo er jede Empfindung ängstlich Verkap-pen muss, um so wenig das Ohr des Publikumsals das eines „spröden Schönen" durch eine einzige