Druckschrift 
2,1 (1844)
Entstehung
Seite
36
Einzelbild herunterladen
 

36

und, wie nun eben das Spiel des Zufalls es in bunter Mi-schung mit sich bringt, bald vorzieht, bald zurücksetzt, baldhebt, bald drückt, *) und dieß Alles im buntesten Wechsel,

') Am Hofe des Fürsten zu L. D. lebte in der letzten Hälfte desvorigen Lahrhunderts ein Hofprediger F., der durch seinegründliche wissenschaftliche Bildung, durch die Lauterkeit seinesCharakters und Wandels, durch Pflicht und Berufstreue, wiebesonders auch durch seinen Wahrheitssinn und die damit ver-bundene Freimüthigkeit, sich die Gunst und das Vertrauen sei-nes Landeshcrrn in einem so hohen Grade erworben hatte, daßer der Liebling des Fürsten wprde, der nicht mehr ohne ihnleben konnte, und nun auch vielseitig, nicht bloß in Angelegen-heiten der Kirche, sondern auch in denen der Regierung, ihnbrauchte und benutzte. Der dadurch vielseitig verletzte und beengtegereizte Neid ertrug das nicht und legte in fein und listig gespon-nenen Cabalen es darauf an, den gesürchtetcn Mann zu stür-zen. Lange wollte es damit nicht gelingen, bis man endlichdie Fürstinn, verletzt durch ein freimüthiges Wort, und danndurch sie und ihre stille Einwirkung auch den Fürsten gegenihn einnahm und mit Erbitterung erfüllte. Sein Fall wurdebeschlossen, und wie er oft unmittelbar war gehoben, so sollteer nun auch in Gegenwart des versammelten Hofes gestürztwerde». Der Fürst sah ihn fest an, und richtete mit finsteren,zornigen Blicken an ihn die scharfe Frage:Sagen Sie mir,Herr Hofpredigcr, Was ist ein Flegel?" Und der uner-schrockene Mann antwortete mit klarer Geistesgegenwart undheiterer Ruhe:Ein Flegel, Ihr Durchlaucht, ist dasjenige In-strument, welches man darum sohoch hebt, umesdcstotiefer fallen zu lassen. '1'vIIitur in ultum ut lapsu gra-viore: rnat." Dann entfernte er sich ehrerbietig und schweigend,um nie wieder bei Hofe zu erscheinen. Nach seinem Wunscheerhielt er die heitere, gcmüthliche Dorfpfarre zu On, undathmete hier in Gottes gesunder Luft leichter und freier. Deredle, aber umsponnene Fürst sah ihn nur einmal wieder, aberda, wo die Wahrheit sich geltend macht, auf dem Sterbebette,und empfing aus den Händen des treuen, ernst-sreimiithigcnSeelsorgers das heilige Abendmahl.