Druckschrift 
12 (1862) Über Ludwig Börne
Entstehung
Seite
24
Einzelbild herunterladen
 

— 24 —

traucns betrachten ließ. Ich erwähnte, dass Börnezu verschiedenen Zeiten seines Lebens von Licbes-lcidcn heimgesucht worden.

„Ach," seufzte er einmal wie aus der Tiefeschmerzlicher Erinnerungen, „in spätern Jahren istdiese Leidenschaft noch weit gefährlicher, als in derJugend. Man sollte es kaum glauben, da sich dochmit dem Alter auch unsere Vernunft entwickelt hatund diese uns unterstützen könnte im Kampfe mitder Leidenschaft. Saubere Unterstützung! MerkenSie sich Das: die Vernunft hilft uns nur, jenekleinen Kapricen zu bekämpfen, die wir auch ohneihre Intervention bald überwinden würden. Abersobald sich eine große, wahre Leidenschaft unseresHerzens bemächtigt hat und unterdrückt werden soll,wegen des positiven Schadens, der uns dadurch be-droht, alsdann gewährt uns die Vernunft wenigHilfe, ja, die Kanaille, sie wird alsdann sogar eineBundesgenossen des Feindes, und anstatt unseremateriellen oder moralischen Interessen zu vertreten,leiht sie dem Feinde der Leidenschaft alle ihre Logik,alle ihre Syllogismen, alle ihre Sophismen, unddem stummen Wahnsinn liefert sie die Waffe desWortes. Vernünftig, wie sie ist, schlägt sich dieVernunft immer zur Partei des Stärkcrn, zur Parteider Leidenschaft, und vcrlässt sie wieder, sobald die