Gedanken und Einfalle. 165
Freiligrath.
DnS Wesen der neueren Poesie spricht sich vor allein in ihremparabolischen Charakter aus. Ahnung und Erinnerung sind ihrhauptsächlicher Inhalt. Mit diesen Gefühlen korrespondiert der Reim,dessen musikalische Bedeutung besonders wichtig ist. Seltsame, fremd-grelle Reime sind gleichsam eine reichere Instrumentation, die ausder wiegenden Weise ein Gefühl besonders hervortreten lassen soll,wie sanfte Waldhvrnlaute durch plötzliche Trompctcntöne unterbrochenwerden. So weiß Goethe die ungewöhnlichen Reime zu benutzen zugrell barocken Effekten; auch Schlegel und Byron — bei letztereinzeigt sich schon der Übergang in den komischen Reim. Man vergleichedamit den Mißbrauch der fremd klingenden Reime bei Frciligrath,die Barbarei beständiger Janitschareuninsik, die aus einem Fabrikanten-irrtume entspringt. Seine schönen Renne sind oftmals Krücken fürlahme Gedanken. Freiligrath ist ein Uneingeweihter in das Geheim-nis, er besitzt keine Nntnrlaute, der Ausdruck und der Gedanke ent-springen bei ihm nicht zu gleicher Zeit. Er gebraucht Hammer undMeißel und verarbeitet die Sprache wie einen Stein, der Gedanke istMaterial, und nicht immer Material aus den Steinbrüchen deseigenen Gemütes, z. B. Plagint von Grabbe und Heine. Alles kanner macheu, nur kein Lied — Ein Lied ist das Kriterium der Ur-sprünglichkeit. Das eigentliche Gedicht (was wir gewöhnlich so nennen;halb episch, halb lyrisch), participicrt mehr oder minder vom Licdc,selbst in den breitesten Rhythmen — nicht so bei Freiligrath; seinWohllaut ist meistens rhetorischer Art.
Es existiert eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Freiligrath undPlate». Dieser hat ein feineres Ohr für die Wortinelodie, vermeidetweit mehr die Härten, klingt musikalischer, aber ihm fehlt die Cäsur,die Frciligrath besser hat, weil er gesunder fühlt — Cäsur ist derHerzschlag des dichtenden Geistes und läßt sich nicht nachahmen, wieWohllaut.
Freiligrath ahmt Victor Hugo nach. Er ist Gcnrcmäler, er gicbtGenrebilder des Meeres, nicht Historienbilder des lebendigen Ozeans.Seine morgenländischcu Genrebilder sind türkische Holländer«.
Sein Charakter ist die Sehnsucht nach dem Orient und einHineintrttumen in südliche Zustände. Aber der Orient ist ihm nichtaufgegangen in seiner Poesie, wie bei andern Dichtern, denen jenerfabelhafte, abenteuerliche Orient vorschwebt, den wir aus den Tradi-tionen der Krenzzüge und „Tausend und eine Nacht" uns zusammen-geträumt, ein real unrichtiger, aber in der Idee richtiger, Poesie-Orient — Nein, er ist exakt wie Burkhard und Nicbuhr, seine Gedichtesind ein Appendix zum Cottnschen „Ausland", und die Vcrlagshand-lung hat seine Kenntnis der Geographie und Völkerkunde sehr be-deutungsvoll gerühmt. Daher sein Wert für die große Masse, die