Die deutsche Litteratnr, 141
befriedigt, erwachte der Unmut, Wir beabsichtigen keineswegs eineVerteidigung Goethes; wir glauben, die Mcnzelsche Lehre: „Goethesei kein Genie, sondern ein Talent", wird nur bei wenigen Eingangfinden, und selbst die wenigen werden doch zugeben, daß Goethe dannund wann das Talent hat, ein Genie zu sein. Aber selbst wennMenzel recht hätte, würde es sich nicht geziemt haben, sein hartesUrteil so hart hinzustellen. Es ist doch immer Goethe, der König,und ein Recensent, der an einen solchen Dichtcrkönig sein Messerlegt, sollte doch ebensoviel Cvnrtoisic besitzen wie jener englischeScharfrichter, welcher Karl I, köpfte und, ehe er dieses kritische Amtvollzog, vor dem königlichen Delinguenten niederkniete und seineVerzeihung erbat.
Woher aber kommt diese Härte gegen Goethe, wie sie uns hieund da sogar bei den ausgezeichnetsten Geistern bemerkbar worden?Nielleicht eben weil Goethe, der nichts als primus intsr pars» seinsollte, in der Republik der Geister zur Tyrannis gelangt ist, betrachtenihn viele große Geister mit geheimem Groll, Sie sehen in ihm so-gar einen Ludwig XI,, der den geistigen hohen Adel unterdrückt,indem er den geistigen '1'iors ütat, die liebe Mittelmäßigkeit, empor-hebt, Sie sehen, er schmeichelt den respektivcn Korporationen derStädte, er sendet gnädige Handschreiben und Medaillen an die „liebenGetreuen", und erschafft einen Papieradel von Hochbelobten, die sichschon viel höher dünken, als jene wahren Großen, die ihren Adel,ebensogut wie der König selbst, von der Gnade Gottes erhalten, oder,um whiggisch zu sprechen, von der Meinung des Volkes, Aberimmerhin mag dieses geschehen. Sahen wir doch jüngst in denFürstengrüften von Westminster, daß jene Großen, die, als sie lebten,mit den Königen haderten, dennoch im Tode in der königlichen Nähebegraben liegen — und so wird auch Goethe nicht verhindern kön-nen, daß jene großen Geister, die er im Leben gern entfernen wollte,dennoch im Tode niit ihm zusammenkommen und neben ihm ihrenewigen Platz finden im Westminster der deutschen Litteratur,
Die brütende Stimmung unzufriedener Großen ist ansteckend,und die Lust wird schwül. Das Prinzip der Gvctheschen Zeit, dieKunstidec, entweicht, eine neue Zeit mit einem neuen Prinzipe steigtans, und, seltsam! wie das Menzclsche Buch merken läßt, sie beginntmit Insurrektion gegen Goethe, Vielleicht fühlt Goethe selbst, daßdie schöne objektive Welt, die er durch Wort und Beispiel gestiftethat, notwendigerweise zusammensinkt, so wie die Kunstidce allmählichihre Herrschaft verliert, und daß neue frische Geister von der neuenIdee der neuen Zeit hcrvorgetrieben werden, und gleich nordischenBarbaren, die in den Süden einbrechen, das civilisierte Goethcntnmüber den Haufen werfen und an dessen Stelle das Reich der wildestenSubjektivität begründen Daher das Bestreben, eine Goethcsche Land-