134 Vermischte Schriften.
der herrschende Mittelpunkt, der mit seinen goldenen Radien dasganze Buch umspinnt. Ist doch die Idee der Kunst zugleich derMittelpunkt jener ganzen Litteraturpcriode, die mit dem ErscheinenGoethes anfängt und erst jetzt ihr Ende erreicht hat, ist sie doch dereigentliche Mittelpunkt in Goethe selbst, dem großen Repräsentantendieser Periode — und wenn Friedrich Schlegel in seiner BeurteilungGoethes demselben allen Mittelpunkt abspricht, so hat dieser Irrtumvielleicht seine Wurzel in einem verzeihlichen Unmut. Wir sagen„verzeihlich", um nicht das Wort „menschlich" zu gebrauchen; dieSchlegel, geleitet von der Idee der Kunst, erkannten die Objektivitätals das höchste Erfordernis eines Kunstwerks, und da sie diese imhöchsten Grade bei Goethe fanden, hoben sie ihn auf den Schild, dieneue Schule huldigte ihm als König, und als er König war, dankteer, wie Könige zu danken Pflegen, indem er die Schlegel kränkendablehnte und ihre Schule in den Staub trat.
Menzels „deutsche Littcratur" ist ein würdiges Scitcnstück zudem erwähnten Werke von Friedrich Schlegel. Dieselbe Großartigkeitder Auffassung, des Strebens, der Kraft und dcS Irrtums. BeideWerke werden den späteren Litteratvren Stoff zum Nachdenkeil liefern,indem nicht bloß die schönsten Geistesschätze darin niedergelegt sind,sondern indem auch ein jedes dieser beiden Werke ganz die Zeitcharakterisiert, worin es geschrieben ist. Dieser letztere kimstand ge-währt auch uns das meiste Vergnügen bei der Verglcichung beiderWerke. In dem Schlcgclschen sehen wir ganz die Bestrebungen, die-Bedürfnisse, die Interessen, die gesamte deutsche Gcistesrichtung dervorletzten Deccnnicn, und die Knnstidee als Mittelpunkt des Ganzen.Bilden aber die Schlegelschen Vorlesungen solchermaßen ein Litteratnr-cpos, so erscheint uns hingegen das Menzelsche Werk wie ein be-wegtes Drama, die Interessen der Zeit treten auf und halten ihreMonologe, die Leidenschaften, Wünsche, Hoffnungen, Furcht undMitleid sprechen sich aus, die Freunde raten, die Parteien stehen sichgegenüber, der Verfasser läßt allen ihr Recht widerfahren, als echterDramatiker behandelt er keine der kämpfenden Parteien mit allzubesonderer Vorliebe, und wenn wir etwas vermissen, so ist es nurder Chorus, der die letzte Bedeutung des Kampfes ruhig ausspricht.Diesen Chorus aber konnte uns Herr Menzel nicht geben, wegen deseinfachen Umstandes, daß er noch nicht das Ende dieses Jahrhundertserlebt hat. Aus demselben Grunde erkannten wir bei einem Bucheaus einer früheren Periode, dem Schlegelschen, weit leichter deneigentlichen Mittelpunkt, als bei einem Buche ans der jetzigsten Gegen-wart. Nur so viel sehen wir, der Mittelpunkt des Mcnzeljchcn Buchesist nicht mehr die Idee der Kunst. Menzel sucht viel eher das Ver-hältnis des Lebens zu den Büchern aufzufassen, einen Organismusüi der Schriftwelt zu entdecken, es ist uns manchmal vorgekommen,