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12 (1898) Vermischte Schriften
Entstehung
Seite
120
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ILO Vermischte Schriften.

Akt wäre zusammengeschmolzen und hieße: „Tnssos Hoflebcn"; derdritte und vierte Akt wäre ebenfalls vereinigt und hieße: „TassosGefangenschaft"; und der fünfte Akt, wvmit sich die Trtlogie schlösse,hieße: „Tassvs Tod."

Wir haben oben gezeigt, daß die Einheit des Gefühls zninEthischen einer Tragödie gehört, und daß unser Verfasser dieselbevollkommen und musterhaft beobachtet hat. Er hat aber auch nocheiner zweiten ethischen Anforderung Genüge geleistet. Nämlich, seineTragödie trägt den Charakter der Milde und Versöhnung.

Unter dieser Versöhnung verstehen wir nicht allein die AristotelischeLcidcnschaftsrcinigung, sondern auch die weise Beobachtung der Grenzendes Reinmcnschlichen. Keiner kann furchtbarere Leidenschaften undHandlungen auf die Bühne bringen, als Shakespeare, und doch ge-schieht es nie, daß unser Innere?, unser Gemüt durch ihn gänzlichempört würde. Wie ganz anders ist das bei vielen unserer neuerenTragödien, bei deren Darstellung uns die Brust gleichsam in spanischeSchnürstiefel eingeklemmt wird, der Atem uns in der Kehle stockenbleibt, und gleichsam ein unerträglicher Katzenjammer der Gefühleunser ganzes Wesen ergreift. Das eigene Gemüt soll dem Dichterein sicherer Maßstab sein, wie weit er den Schrecken und das Entsetz-liche auf die Bühne bringen kann. Nicht der kalte Verstand sollemsig alles Gräßliche ergrübcln, mosaikähnlich zusammenwürfeln undin der Tragödie aufstapeln. Zwar wissen wir recht wohl, alleSchrecken Melpomcnens sind erschöpft. Pandoras Büchse ist leer,und der Boden derselben, wo noch ein Abel kleben konnte, von denPoeten kahl abgeschabt, und der gefallsüchtige Dichter muß im Schweißeseines Angesichts neue Schrcckensfiguren nud neue llbel herausbrüten.So ist es dahin gekommen, daß unser heutiges Thcaterpublikum schonziemlich vertraut ist mit Brudermord, Vatermord, Jncest u. s. iv.Daß am Ende der Held bei ziemlich gesundem Verstände einen Selbst-mord begeht, osla so kalt saus clirs. Das ist ein Kreuz, daS istein Jammer. In der That, wenn das so fortgeht, werden die Poetendes zwanzigsten Jahrhunderts ihre dramatischen Stoffe auS derjapanischen Geschichte nehmen müssen, und alle dortigen Exekntivns-artcn und Selbstmorde: Spießen, Pfählen, Bauchausschlitzcn n. s. w.zur allgemeinen Erbauung auf die Bühne bringen. Wirklich, es istempörend, wenn man sieht, wie in unseren neueren Tragödien stattdes wahrhaft Tragischen, ein Abschlachten, ein Niedermetzeln, einZerreißen der Gefühle aufgekommen ist, wie zitternd und zähne-klappernd das Publikum auf seinem Armensünderbttnkchen sitzt, wiees moralisch gerädert wird, und zwar von unten herauf. Habendenn unsere Dichter ganz und gar vergessen, welchen ungeheurenEinfluß das Theater auf die Volkssitten ausübt? Haben sie ver-gessen, daß sie diese Sitten milder, und nicht wilder machen sollen?