Druckschrift 
11 (1862) Französische Zustände : Th. 4, Kunstberichte aus Paris
Entstehung
Seite
170
Einzelbild herunterladen
 

wirkt auf mich recht sonderbar. Den Tag über binich betäubt, und es schlummert meine Seele. Aberdes Nachts bin ich so aufgeregt, dass ich erst gegenMorgen einschlafe, und dann umschlingen mich diequalvoll entzückendsten Träume. O schmerzlichesGlück, wie beängstigend drücktest du mich an deinHerz vor einigen Stunden! Mir träumte von ihr,die ich nicht lieben will und nicht lieben darf, derenLeidenschaft mich aber dennoch heimlich beseligt. Eswar in ihrem Landhausc, in dem kleinen, dämmerigenGemache, wo die wilden Olcandcrbäumc das Bal-konfenster überragen. Das Fenster war offen, undder helle Mond schien zu uns ins Zimmer hereinund warf seine silbernen Streiflichter über ihre wei-ßen Arme, die mich so liebevoll umschlossen hielten.Wir schwiegen und dachten nur an unser süßes Elend.An den Wänden bewegten sich die Schatten derBäume, deren Blüthcn immer stärker dufteten. Drau-ßen im Garten, erst ferne, dann wieder nahe, ertönteeine Geige, lange, langsam gezogene Töne, jetzttraurig, dann wieder gutmüthig heiter, manchmalwie wchmüthigcs Schluchzen, mitunter auch grollend,aber immer lieblich, schön und wahr . . . „Werist Das?" flüsterte ich leise. Und sie antwortete:„Es ist mein Bruder, welcher die Geige spielt."Aber bald schwieg draußen die Geige, und statt