2AQ Venus. ss.
Sonne gesehen. In ihrer größten Digression steht sie nahe 48 Gradevon derselben östlich oder westlich ab. Allein dieser bedeutenden Entfer-nung von dem Sonnenlichte ungeachtet leuchtet sie doch zur Zeit ihrergrößten Digression so wenig als Merkur in ihrem stärksten Richte, weilsie hier noch zu weit von uns entfernt ist. Noch weniger ist dieß derFall zur Zeit der obern Conjunctiv», wo sie uns zwar ganz beleuchteterscheint, wie der Mond im Volllichte, wo sie aber auch zugleich am wei-testen von uns absteht. Der Ort ihrer Bahn, wo sie mis in ihrem hell-sten Lichte erscheint, so daß man sie selbst mit unbewasfnetem Auge amMittag sehen kann, liegt zwischen ihrer untern Conjunction und ihrergrößten Digression, näher bei der letzten, oder nahe in dem Abständevon 40 Graden von der Sonne. In Derselben Entfernung von derSonne, aber auf der andern oder obern Seite ihrer Bahn, ist ihr Lichtdreimal schwächer, obschon sie uns hier einen viel größeren Theil ihrerbeleuchteten Hälfte zeigt, als dort, und ganz in der Nähe der obern Con-junction selbst leuchtet sie noch weniger, obschon sie hier ganz beleuchteterscheint. Je näher Venus ihrer untern Conjunction kömmt, desto klei-ner, desto sichelförmiger wird die Phase, die uns noch Licht von ihr zu-sendet, desto näher steht uns aber auch der Planet, und desto kräftigerkann sein Licht auf uns wirken. Man sieht sonach, daß es einen Punktder Bahn geben muß, wo diese Wirkung des Lichtes am größten ist,und daß dieser Punkt weder in die obere Conjunction fallen kann, wozwar Venus ganz beleuchtet, aber auch am weitesten von uns entferntist, — noch auch in die untere, wo der Planet zwar am nächsten beiuns steht, wo aber auch sein Licht gänzlich verschwindet, indem er hiernur seine dunkle Hemisphäre zur Erde wendet. Es ist ein interessantesProblem der Astronomie, diesen Ort des stärksten Lichtes der Venus zubestimmen; die Auslosung desselben ist aber auch mit großen Schwierig-keiten verbunden, wenn man dabei auf alle Verhältnisse gehörig Rück-sicht nehmen will. Nach dem Gesagten erscheint dieser Planet in seinemschönsten Lichte, wenn er 40 Grade östlich oder westlich von der Sonneentfernt ist, und dann beträgt sein scheinbarer Durchmesser, der in deruntern Conjunction bis auf 66 See. gehen kann, nur etwa 40 See., unddie größte Breite seiner beleuchteten Phase hat kaum 10 See., aber dieseschmale Lichtsichel hat, wegen ihrer Nähe bei uns, ein so intensives Licht,daß sie um Mittag mit freien Augen gesehen werden, und daß sie so-gar einen obwohl nur schwachen Schatten werfen kann. In diesem Fallefällt der hellglänzende Stern selbst dem gemeinen Manne auf, besonderswenn diese Zeit in die Abendstunden des Sommers trifft und von einergünstigen Witterung unterstützt wird. Nach Lambert's Berechnung istdann das Licht der Venus nur 3000mal schwächer, als das des Voll-monds, und nahe gleich dem Schein einer Kerze in der Entfernung von230 Fuß. Als Venus am 21sten Julius d. I. 1716 in dieser Lage war,betrachtete das Volk in London diese Erscheinung als ein Wunder undals ein drohendes Vorzeichen nahen Unglücks, und i. I. 1750 wurdeder nicht minder unwißende Pöbel von Paris durch dieses Phänomenso aufgeregt, daß es nöthig wurde, die Hilfe der Polizei aufzurufen,um dem Tumulte Einhalt zu thun. Und doch ereignet sich dieselbe Sachewenigstens alle acht Jahre einmal in derselben Jahreszeit und unterdenselben Verhältnissen.
Die dunkle Seite der Venus ist, besonders zu der Zeit, wo der be-leuchtete Theil nur wie ein feiner Lichtfaden erscheint, von einem eigenenLichtschimmer beleuchtet, wie der Mond in den ersten Tagen nach demNeumonde (I. H. 165). Die Ursache dieser Erscheinung ist uns noch