Planetensysteme. Z. 110.
Breite berücksichtigt, da zu diesem Zwecke die Epicykeln untereinanderund gegen den deferirenden Kreis besondere Steigungen erhalten musiten,wodurch das ganze Gerüste von schief auf einander laufenden Kreisennoch mehr verwickelt wurde. Welch' ein System, das einigen Punktenzwei und drei Epicykeln, andern nur einen, und wieder andern, wiederSonne, gar keinen anwies, und das alle Planeten in ihrem Lauf umdie Erde von der Sonne abhängig machte, die doch auch nichts weiter,als wieder ein Planet seyn sollte! Welche abenteuerliche Kraft ist es,die in dem Mittelpunkte des Epicykels, einem bloß eingebildeten, durchnichts ausgezeichneten Punkte, ihren Sitz hat, und doch den Planetenum sich zu bewegen im Stande ist? Welch' eine sonderbare, äußerst ver-wickelte krumme Linie ist es, die der in seinem Epicykel einhergehendePlanet in der That im Weltraume beschreibt? Und dieser verworrenenLinie voll Knoten und Schlingen ungeachtet, soll derselbe Planet dochtäglich einmal mit allen Fixsternen in derselben Zeit um die Erde lau-sen? — Darf man sich noch verwundern, daß die Alten, vor der Com-plication aller dieser so wunderbar in einander verschlungenen Bewegun-gen selbst zurückschreckend. endlich auf den Einfall geriethen, jedem Pla-neten eine höhere Intelligenz — einen geistigen Führer — zuzuordnen, dersie, damit sie sich auf ihren labyrinthischen Bahnen nicht verirren, mitunsichtbarer Hand durch die Himmel steuern mußte? Und sie kanntennur die größeren Ungleichheiren dieser Himmelskörper, die wenigstensganze Grade betrugen, und denen sie auf diese Weise entgegen kommenwollten. Was würden sie gethan haben, wenn sie auch die unzähligenkleineren Anomalien, die unsere genaueren Instrumente kennen gelehrthaben, wenn sie die Aberration, die Nutativn, die Präcession, und dietausend kleineren Perturbationen, welche die Planeten unter einanderbewirken, auf dieselbe Weise hätten darstellen wollen! Welche unüber-sehbare Anhäufung von Epicykeln würden wir nöthig haben, um nurdiejenigen Ungleichheiten, die über eine Minute gehen, dadurch auszu-drücken! Wahrlich, unsere Astronomie würde unter dieser Masse vonGerüsten eben so erdrückt werden, wie unsere Ehemie, die, schon so langeauf ihren Covernicus und Kepler wartend, unter der Masse von neuenErden und Metallen, und unter einem zahllosen Heere von Namen dar-nieder liegt, die nur die Standorte, von welchen Alles einfach erscheint,unzugänglich, und alle Uebersicht des Ganzen, so wie alle gegenseitigeVerständlichkeit, beinahe unmöglich machen. Ohne Zweifel ist diesesepicyklische System eines der scharfsinnigsten, aber auch der künstlichstenund verworrensten, das der menschliche Geist je ausgedacht hat, ein Ge-webe von Spitzfindigkeit und Verblendung, wie nur je eines in der Me-taphysik von unsern neueren, rabulistischen Natnrphilosophen ausgebrü-rer worden ist, und deyen sich die sonst so nüchternen Astronomen eigent-lich schämen sollten. Auch regte sich zuweilen die Kraft der Wahrheitgegen diese unnatürliche Hypothese, aber ihre Stimme war zu schwach,ja sie durfte am Ende gar nicht mehr gehört werden, als sich nach Jahr-tausenden der Irrthum aller bessern Köpfe bemächtigt, und sich sogareine Art von Unverletzlichkeit, von Sanction höherer Art zu verschaffengewußt hatte.
tz. 110. (Copernicus.) Dieß war der Zustand des erhabensten Thei-les der Naturlehre von den ältesten Zeiten, die wir kennen, bis zurMitte des sechszehnten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, bis zu Eo-pernicus, der der Erste es unternahm, jener so lange und so schnödeverkannten Wahrheit wieder ihr heiliges Recht zu verschaffen. Zwarfehlte es schon unter den älteren Griechen nicht an Männern, die freien^ >