Druckschrift 
1 (1898) Buch der Lieder Biographie
Entstehung
Seite
75
Einzelbild herunterladen
 

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,Daß ich so traurig bin;

Ein Märchen aus alten Zeiten,Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt,lind ruhig fließt der Rhein;

Der Gipfel deS Berges funkeltIm Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzetDort oben wunderbar,

Ihr goldnes Geschmeide blitzet,Sie kämmt ihr goldenes Haar.

Sie kämmt es mit goldenem Kamme,Und singt ein Lied dabei;

Das hat eine wundersame,

Gewaltige Melodei.

Den Schiffer im kleinen SchiffeErgreift es mit wildem Weh;'Er schaut nicht die Felsenriffe,Er schaut nur hinauf in die Höh'.

Ich glaube, die Wellen verschlingenAm Ende Schiffer und Kahn;Und das hat mit ihrem SingenDie Lorelei gcthan.

Mein Herz, mein Herz ist traurig,Doch lustig leuchtet der Mai;Ich stehe, gelehnt an der Linde,

Hoch auf der alten Bastei.

Da drunten fließt der blaueStadtgraben in stiller Ruh';Ein Knabe fährt im Kahne,Und angelt und pfeift dazu.

Jenseits erheben sich freundlich,In winziger, bunter Gestalt,Lnsthäuser und Gärlcn und Mensche»Und Ochsen und Wiesen und Wald.