Druckschrift 
1 (1898) Buch der Lieder Biographie
Entstehung
Seite
72
Einzelbild herunterladen
 

Buch der Lieder.öS.

Am Kreuzweg wird begraben,Wer selber sich brachte um;

Dort wächst eine blaue Blume,Die Armesünderblum'.

Ilm Kreuzweg stand ich und seufzte;Die Nacht war kalt und stumm.Im Mondschein bewegte sich langsamDie Armesünderblum'.

63.

Wo ich bin, mich rings umdunkcltFinsternis, so dumpf und dicht,

Seit mir nicht mehr leuchtend funkelt,Liebste, deiner Augen Licht.

Mir erloschen ist der süßenLiebessterne goldne Pracht,

Abgrund gähnt zu meinen FüßenNimm mich auf, uralte Nacht!

64.

Nacht lag auf meinen Augen,

Blei lag auf meinem Mund,Mit starrem Hirn und HerzenLag ich im Grabesgrund.

Wie lang' kann ich nicht sagen,Daß ich geschlafen Hab',

Ich wachte auf und horte,

Wie's pochte an mein Grab.

Willst du nicht aufstehn, Heinrich?Der ew'ge Tag bricht an;

Die Toten sind erstanden,

Die ew'ge Lust begann."

Mein Lieb, ich kann nicht aufstehn,Bin ja noch immer blind;

Durch Weinen ineine AugenGänzlich erloschen sind.

Ich will dir küssen, Heinrich,Vom Auge fort die Nacht;

Die Engel sollst du schauen,lind auch des Himmels Pracht."