Vorrede zur zweiten Auflage. Z
Guter, die ihm am schwersten zugänglich sind, für die kostbarstenansieht. Den Edelstein, der im Schöße der Erde festgewachsen, diePerle, die in den Untiefen des Meeres verborgen, hält der Menschfür die besten Schätze; er würde sie gering achten, wenn die Natursie gleich Kieseln und Muscheln zu seinen Füßen legte. Gegen unsereVorzüge sind wir gleichgültig; über unsere Gebrechen suchen wir unsso lange zu täuschen, bis wir sie endlich für Vortrcfflichkeiten halten.Als ich einst nach einem Konzerte von Paganini diesem Meister mitleidenschaftlichen Lobsprüchcn über sein Biolinspiel entgegentrat, unter-brach er mich mit den Worten: „Aber wie gefielen Ihnen heutemeine Komplimente, meine Verbeugungen?"
Bescheidenen Sinnes und um Nachsicht bittend übergebe ich demPublikum das „Buch der Lieder"; für die Schwäche dieser Gedichtemögen vielleicht meine politischen, theologischen und philosophischenSchriften einigen Ersatz bieten.
Bemerken muß ich jedoch, daß meine poetischen, ebensogutwie meiue politischen, theologischen und philosophischen Schriften,einem und demselben Gedanken entsprossen sind, und daß man dieeinen nicht verdammen darf, ohne den andern allen Beifall zu ent-ziehen. Zugleich erlaube ich mir auch die Bemerkung, daß das Ge-rücht, als hätte jener Gedanke eine bedenkliche Umwandlung inmeiner Seele erlitten, auf Angaben beruhet, die ich ebenso verachtenwie bedauern muß. Nur gewissen bornierten Geistern konnte dieMilderung meiner Rede, oder gar mein erzwungenes Schweigen, alsein Abfall von mir selber erscheinen. Sie mißdeuteten meineMäßigung, und das war um so liebloser, da ich doch nie ihre Über-mut mißdeutet habe. Höchstens dürfte man mich einer Ermüdungbeschuldigen. Aber ich habe ein Recht, müde zu sein ... Und dann mußjeder dem Gesetze der Zeit gehorchen, er mag wollen oder nicht . . .
„Und scheint die Sonne noch so schön.
Am Ende mich sie untcrgehn!"
Die Melodie dieser Verse summt mir schon den ganzen Mvrgenim Kopfe und klingt vielleicht wieder aus allem, was ich soebengeschrieben. In einem Stücke von Raimund, dem wackeren Komiker,der sich unlängst aus Melancholie totgeschossen, erscheinen Jugendund Alter als allegorische Personen, und das Lied, welches die Jugendsingt, wenn sie von dem Helden Abschied nimmt, beginnt mit denerwähnten Versen. Vor vielen Jahren, in München, sah ich diesesStück; ich glaube, es heißt: „Der Bauer als Millionär." Sobalddie Jugend abgeht, sieht man, wie die Person des Helden, der alleinauf der Scene zurückbleibt, eine sonderbare Veränderung erleidet.Sein braunes Haar wird allmählich gran und endlich schneeweiß; seinRücken krümmt sich, seine Kniee schlottern; an die Stelle des vorigenUngestüms tritt eine weinerliche Weichheit ... das Alter erscheint.