Druckschrift 
1 (1898) Buch der Lieder Biographie
Entstehung
Seite
123
Einzelbild herunterladen
 

Biographie. 123

Gottesbegriff Spinozas hatte sich d'Alcmbert zuerst angeeignet; vondiesem empfing ihn St. Simon und vererbte ihn auf seine Schulemehr in praktischer Richtung, indes er sich in Deutschland bei Goethe,Schelling und ihren Nachfolgern in rein theoretischer und ästhetischerRichtung fortentwickelte. Mitten zwischen diesen beiden Richtungen,an der intellektuellen Grenze zweier Nationen", stand Heine undsuchte beide Gedankenstrvme zu vereinigen. So wurde er der grosseVermittler von Ideen und Gedanken, die zwei mächtige geistig undsocial arbeitende Nationen ihm darboten. Er erklärte den Deutschendie Lehre des St. Simonismus und verriet ihnen das große Ge-heimnis der socialen Frage; den Franzosen verkündigte er die Bot-schaft des deutschen Geistes, der deutschen Poesie und das nicht minderwichtige Geheimnis der deutschen Philosophie.

Hauptsächlich auf Anregung Enfantins und Chevaliers schriebHeine seine Aufsätze über die Geschichte der Religion und Philosophiein Deutschland und deshalb widmete er auch die erste Auflage seinesBuchesVs IBPIlsmaAns" dem Vater Enfantin.

Man muß bedenken, daß die Sache, der sich Heine mit solcherBegeisterung anschloß, damals bereits ein wenig der LächerlichkeitPreisgegeben war, um sowohl den Mut Heines zu würdigen, als dieBegeisterung, mit der die Häupter der Kirche den neuen Bundes-genossen begrüßten. In einem ebenso phantastischen als schwülstigenund sehr ausführlichen Schreiben, das aber für die BeziehungenHeines zum St. Simonismns sehr charakteristisch ist, sprach Enfantinseinen begeisterten Dank für Heines Widmung auS.

Indes brachte dieser umfangreiche Brief gerade die entgegen-gesetzte Wirkung hervor; er weckte Heines Spvttlnst und machte ihmdie Bnndcsgenvsscnschaft mit den St. Simonistcn, deren schwülstigeTheorien zu ihrer späteren praktischen Lebensführung gar nichtPaßten, unmöglich. Die ferneren Auflagen seines BuchesDoI'H.llsnmZ'inz" enthalten nicht mehr die Widmung an Prosper En-fantin, sondern eine neue Vorrede, in der Heine der Thatsache Aus-druck giebt, daß sich die Dinge inzwischen wesentlich vcrttnoert hätten.Die Märtyrer von ehedem würden jetzt weder verhöhnt noch vcrfolgt; sie trügen auch nicht mehr daS Kreuz, höchstens etwa daSKreuz der Ehrenlegion, sie durchliefen nicht mehr barfuß die WüstenArabiens, wie einst Enfantin, um dort das freie Weib zu suchensie hätten sich vielmehr bei ihrer Rückkehr ans dem Orient gut-bürgerlich verheiratet, und seien Bankgriinder oder Eisenbahndirek-torcn geworden.

Im Hinblick ans die Endziele der Apostel dcS neuen Christen-tums war der Spott Heines vollauf berechtigt. Als Heine einigeJahre später dem berühmten Musiker Franz Liszt, mit dem ihneine innige Freundschaft verknüpfte, in einer seltsamen Anwandlung