Biographie. 101
über die Tagespolitik vermieden hat, laßt sich ans den Briefen anseine Freunde leider sehr deutlich erkennen — er hoffte, eine Stants-anstellnng in Bayern zu erlangen.
Nachdem alle seine Bemühungen, in Berlin eine Professur zuerhalten, trotz der Protektion Barnhagens gescheitert waren, klammerteer sich an der Hoffnung fest, in München eine solche Stelle zu er-halten, da er sich auch dort hoher Protektion zu erfreuen hatte. Derdamalige Minister des Innern, Eduard von Schenk, der Dichter des„Bclisar", bot seinen schwerwiegenden Einfluß im Interesse Heines ans.Und auch von anderer Seite wurde sein Vorhaben unterstützt.
Die Entscheidung lag bei König Ludwig I., der ein aufmerksamerLeser der „Politischen Annalen" war. Natürlich lag nun Heine sehrviel daran, die Gunst dieses kunstsinnigen Königs zu erlangen. Erbat Cotta, dein König die „Reisebildcr" und das „Buch der Lieder"zu überreichen — „es käme mir auch zu gute", bemerkte er, „wennSie ihm andeuten wollten! der Verfasser selbst sei viel milder, besserund vielleicht auch jetzt ganz anders, als seine früheren Werke."
Während aber Heine in der Gesellschaft junger Maler viel ver-kehrte und von „wunderschönen Weibcrverhciltnissen" berichten konnte,lebte er auch in vertraulichem Umgang mit einein der berüchtigtstengeheimen Pvlizeiagentcn, mit dem übel beleumundeten Wit vonDörring, dessen abenteuerliches Leben ja damals schon zur Genügebekannt war. Als Campe ihm durch Dörring Briefe sandte, machteihm Heine darüber die bittersten Vorwürfe und schrieb! „WußtenSie denn nicht, daß ich, außer Wein und Theater, keine Berührungs-punkte mit Wit haben kann und will." Zu gleicher Zeit aber schrieber an Varnhagen einen Brief, aus dem wohl zu entnehmen ist, daßHeine, trotz der Campe gegenüber zur Schau getragenen Entrüstung,mit jenem Wit doch in mehr als flüchtiger Berührung stand; dasselbebeweist ein handschriftlich erhaltener Aufsatz Heines über Wit vonDörring, der wahrscheinlich nie gedruckt worden ist. Vermutlich warder Aufsatz fürs „Mvrgcnblatt" bestimmt, gelangte aber, infolge desSkandals, welchen die plötzlich erfolgte Ausweisung Wits aus Münchenverursachte, nicht zum Abdruck.
Obwohl Heine damals „im Foyer der Noblesse" lebte, und „dieliebenswürdigsten Aristvkratinnen" liebte, ja sogar, wenn man denMitteilungen seines Bruders glauben darf, von Prinzessinnen desköniglichen Hofes verzogen wnrde, fühlte er sich doch von dem seichten,kümmerlichen Leben, von der Kleingeistcrci, dem Bierdusel, derHohlheit und dem Thcntcrklatsch sehr angewidert, und da er das schlechteKlima ohnedies schwer ertragen konnte, faßte er bald den Vorsatz,München wieder zu verlassen.
Eine seiner letzten Arbeiten für das „Morgenblatt" ans Münchenwar die interessante Besprechung des „Struensec" von Michael Beer,