Biographie. 33
welche die Hauptstadt des IriAlr Irls auf ihn hervorbrachten, hat erzu wiederholten Malen in verschiedenen Schriften geschildert. — Ameingehendsten und interessantesten in dem Kapitel seiner „EnglischenFragmente", welches folgendermaßen beginnt:
„Ich habe das Merkwürdigste gesehen, was die Welt deinstaunenden Geiste zeigen kann, ich habe es gesehen, und stanne nochimmer — noch immer starrt in meinem Gedächtnisse dieser steinerneWald von Häusern und dazwischen der drängende Strom lebendigerMenschengcsichtcr mit all ihren bnntcn Leidenschaften, mit all ihrergrauenhaften Hast der Liebe, des Hungers und des Hasses — ichspreche von London!" „London hat all meine Erwartungen über-troffen", schreibt er an einen Freund, „in Hinsicht seiner Groß-artigkeit aber habe ich mich selbst verloren ... ES ist hier sofürchterlich feucht und unbehaglich, und kein Mensch versteht einen,kein Mensch spricht deutsch."
Bot also London dem deutschen Dichter keine poetischen An-regungen, nichts von „Farbenglanz, Maskenscherz, tiefsinniger Narretei,sprudelnder Thatcnlust, iiberschwänglicher Leidenschaft", kurz von derganzen Glorie der Poesie, so waren dafür die Eindrücke, die derPublizist von dem politischen Leben Englands empfing, desto mächtigerund nachhaltender. Das Studium des öffentlichen Lebens im gelobtenLande der Freiheit war es ja wohl vor allem, was Heine zu seinerenglischen Reise veranlasste, lind was er da sah und hörte, im Par-lament, in den Gerichtssälcn und auf den Straßen, übertraf alle seineErwartungen und ließ ihn die Enge und kleinbürgerliche Beschränktheitdes deutschen Lebens erst in seinem vollen Jammer erkennen.
George Canning, einer der hervorragendsten britischen Staats-männer, war damals der Held des Tages. Seine glänzende Ver-teidigung der Verwaltung Ostindiens, seine Reden über die Eman-zipation der Katholiken, sein mutiger Kampf gegen die stolze AristokratieAlbious und gegen die Kabinettspolitik der heiligen Allianz, und seinPlaidoycr für die Anerkennung der amerikanischen Freistaaten inEuropa, vor allem aber der Grundsatz seiner Regicrungspo litik, dereiner vernünftigen Freiheit für alle Völker, dessen Ausführung seinganzes Leben geweiht war, ließen Canning als einen Märtyrer derliberalen Ideen des Jahrhunderts erscheinen, dem alle freiheits-begeistcrtcn Herzen in Europa begeistert entgegcuschlugcn.
Kein Wunder, daß Heine, von der Redegcwnlt dieses Staats-mannes hingerissen, ganze Tage auf der Galerie der St. StcphanS-kapelle saß und „die Worte seines Mundes trank."
„Diese Zeit wird mir ewig im Gedächtnis blühen", schreibtHeine in Erinnerung an die Pnrlamentsrcdcn Cannings, „undnimmermehr vergesse ich die Stunde, als ich George Canning überdie Rechte der Völker sprechen hörte und jene Bcfreinngsworte vcr-