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1 (1898) Buch der Lieder Biographie
Entstehung
Seite
69
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Biographie. 69

Weltanschauung, auS der der Hunwr zu allen Zeiten als ein ins Unendlichegehender Kontrast hervorgegangen, aus der Erkenntnis, daß die Welttrotz ihrer Große nnd Schönheit dennoch voller Thorheitcn und Wider-sprüche sei, daß alles, was in ihr entstehe und blühe, schon den Keimdes Vergehens nnd Verderbens in sich trage, daß auch der Herr derSchöpfung nichts sei, als der Spielball einer unwiderstehlich absolutenGewalt, der sich Objekt und Subjekt gleich unbedingt unterwerfen müssen.

Von diesen rein tragischen Grundgedanken geht der Humor,dieserkomische Weltgeist" aus; aber er bleibt dabei nicht stehen, erschließt weiter.Wenn die Welt ein so jammervolles, zerbrechliches,wertloses Ding ist, dann ist sie auch nicht wert, darüber eine Thränezu vergießen, ja nicht einmal wert, sie zu hassen oder zu verachten.Das einzig Vernünftige ist, sie als das zu nehmen, was sie ist, d. i.für ein Nichts, für den absoluten Widerspruch, nnd über den kannman nur lachen. Hiermit schlägt der tragische Schmerz zur komischenLust um, doch auch diese vermag sich nicht zu behaupten. DerHumorist fühlt, daß er mit der Welt auch sich selbst vernichtet, seinLachen schallt ihm ans dem leeren Schattcnbilde, in das sie sich fürihn verwandelt, hohl und gespenstisch entgegen, er erkennt, daß sieihm doch mehr gewesen als er glaubte, daß er nur in ihr und mitihr existieren kann. Er will sich ihr daher wieder hingeben, wirftsich ihr mit doppelter Liebe, Sehnsucht nnd Inbrunst an die Brust;aber kaum ist er zu ihr zurückgekehrt, kaum beginnt er damit, sichihre Schönheit und Vollkommenheit zu vergegenwärtigen, so schautsie ihm schon wieder mit demselben trüben Angesicht, als ein Inbegriffvon Leiden, Schmerzen und Qualen entgegen,, und er sieht sichwieder von derselben unwiderstehlichen Gewalt in die tragische Welt-anschauung hineingerissen."

Diesen Gedankengang kann man in Heines Gedichten ziemlichgenau verfolgen. Er geht stetS vom Düsteren und Tragischen aus,das sich dann in das Humoristische oder Ironische auflöst. Stattder Grundstimmung eines Vcrsöhnungsaccvrdcs klingt dann freilichbei vielen Gedichten von Heine das Gefühl des Hohnes und Spottesnach, der eine versöhnende Wirkung nicht aufkommen läßt und diestrenge Einheit des Gedankens, die jedes Kunstwerk, das größte Dramawie das kleinste Gedicht, aufweisen soll, zerstören muß.

Gänzlich hinfällig aber sind die Einwürfe, die nach dem Er-s cheinen desBuches der Lieder" gegen die Form der Gedichte Heinesgeltend gemacht wurden.

Gerade das Metrum seiner Verse verleiht ihnen einen eigen-tümlichen Reiz und wirkt oft wie Musik ans die lyrische Empfindung.Wer metrischen Studien eifriger nachgeht, findet besonders an denkleinen Gedichten Heines die Übereinstimmung des sinnlichen Klangesmit der geistigen Vorstellung voll ausgeprägt. Auch im Reim zeigt