Biographie. 67
ankündigte und darstellte. Hierin liegt vielleicht die tiefste Be-deutung der Pvesie Heines und ihre nachhaltigste Wirkung auf dasVolk wie auf die Litteratur.
Und diese volksliederartigcn Gedichte waren nicht nachgeahmt undnicht nachempfunden, sondern — es kann dies nicht stark genug be-tont werden — durchaus original in der Erfindung wie in der Aus-führung, im Stoff wie in der Sprache. Darin unterschied sich diesePoesie sogar wesentlich von den Gedichten Bürgers, Goethes undUhlands, und auch der Fortschritt in der Melodie war gegen dieletztgenannten beiden Dichter ein unverkennbarer.
Ja, diese Melodie und Originalität des Volksliedes war so un-gewöhnlich neu, daß noch lange nachher hervorragende Dichter nichtzugeben wollten, daß Heine sie selbst erfunden habe.
Die Form war freilich in vielen dieser ersten Gedichte etwasverna chlässigt; der junge Dichter kokettierte ernstlich mit einer gewissenpoetischen Nonchalance, damit der „höchst poetische Stoff desto mehrkontrastiere mit der schlichten kunstlosen Forin".
Was ihn aber von der Romantik vollständig trennte und wasseinen Gedichten für alle Zeit einen besonders hohen Wert verleiht,das ist das rein Menschliche in ihnen, der Hauch der Freiheit,der uns daraus entgegenweht, und der kecke, aber gesunde Realis-mus der Zeichnung!
Heine hat in seinen Gedichten und Schriften „dem modernenKulturmenschen die Zunge gelöst"; er gab ihm, zu sagen, was erleide, wie er liebe und warum er denn eigentlich so tief unglücklichsei! Darin liegt das Geheimnis der tiefen Wirkung, die diesekleinen Lieder auf die Zeitgenossen ausübten, einer Wirkung, diedie Spätcrgcbvrenen oft nur ans dem Wege der Reflexion zu er-klären vermögen.
In dem „Lyrischen Intermezzo" war noch ein neues Momenthinzugetreten, um die Wirkung zu vergrößern — der Schmerz einerunglücklichen verratenen Liebe, die in diesen Liedern sich ausweint.
Ein hohes Lied der unglücklichen Liebe, wie es erhabener undschauriger vordem nicht gesungen worden, bildet dieses „LyrischeIntermezzo", das „im wunderschönen Monat Mai" einsetzt und inbeseligender Wonne das Aufgehen seiner jungen Liebe besingt, währendder Schluß uns zum Grabe dieser Liebe und seiner Lieder geleitet.
Die Lieder der „ Heimkehr" bildeten eigentlich den Abschluß des„Lyrischen Intermezzo". Sie waren als eine „heitere Huldigung"Friederike Ratzel gewidmet.
Zwischen 1826 und 1824 entstanden, leuchtet der Einfluß eineredlen Weiblichkeit anS denselben unverkennbar hervor. Wohl über-kommt den Dichter noch oft die Erinnerung an seine unglückliche Liebe,aber es scheint doch, als ob der wilde Schmerz sich mehr und mehr