66 Biographie.
Standpunkt der Ironie gelten zu lassen, oder es für Übermut desKünstlers zu halten, wenn er die Gesetze des geineinen Lebens, z. B.die moralischen, verwirft, gelangt Svlger zur Erläuterung des Be-griffes der scheinbaren Ironie, die aus den Reflexionen des gemeinenVerstandes entstehe und zwiefach gedacht werden kann. „Sie kann1) die bloße Erscheinung auffassen und dieselbe dadurch in ihrerNichtigkeit darstellen, daß sie ihr einen besonderen Wert verleiht, ihrhöhere Begriffe beilegt, wodurch ein Kontrast bewirkt wird; 2) kannsie sich an allgemeine wesentliche Begriffe anheften, diese darstellen,wie sie im geineinen Leben in der UnVollständigkeit der Erscheinung ver-sinken, und dadurch die Begriffe selbst um ihre Bedeutung bringen."
Beide Arten dieser Ironie, die Solger in seinen Vorlesungenstets „die falsche Ironie" genannt hat, entstehen aus dem Widerspruchdes gemeinen Lebens mit sich selbst, insofern dasselbe einerseits un-vollkommene Erscheinung, andererseits Begriff ist. Natürlich kanndiese Ironie, sofern sie nicht das Leben der Begriffe selbst zweifelhaftmacht und in moralische Spötterei ausartet, der Kunst und besondersdem Humor dienen. So finden wir sie oft bei Jean Paul und soauch haben wir unS diese Ironie in den Dichtungen Heines aufzusuchenund demgemäß zu erklären.
Diesen Grundzug finden nur in allen Schöpfungen Heines, inden ersten Gedichten sowohl als auch im lyrischen Intermezzo undin den Liedern der „Heimkehr".
Alle diese zerstreuten Gedichte hat Heine einige Jahre später inseinem „Buch der Lieder" gesammelt, das wir hier vorweg besprechen,lnn den Zusammenhang seiner dichterischen Produktion im großenund ganzen beurteilen zu könneu.
Was an dieser poetischen Erscheinung zunächst fesselte, war iuder That die grandiose Subjektivität Heines. WaS die Romantik inihren kühnsten Träumen kaum zu hoffen gewagt hat, die genialeFreiheit des Subjekts und dessen Erhebung über das All, dessenSpiel mit der Welt außer sich und mit dem eigenen Ich, das warin diesen Gedichten und noch dazu in einer Form erfüllt, die so über-raschend neu, so wunderbar originell und doch wiederum so vertrautund heimlich klang, daß die Romantiker, wäre ihr Sinn nicht bereitsdamals von dem Weihrauch des Katholicismus umnachtet gewesen,dem jungen Dichter begeisterte kritische Hosiannas hätten singen müssen,weil er das, was bei ihnen immer nur phantastische Intention blieb,zum. erstenmal in dichterische Wirklichkeit übersetzte, und dem, wassie nicht auszusprechen wagten, in Lied und Wort lebensprühendenAusdruck gab.
Dazu kam noch, daß in diesen Gedichten ein Reichtum an Bildernund Formen, an Figuren und Empfindungen sich eröffnete, der dieRückkehr zu dem von den Romantikern so hoch geprieseneu Volkslied