Druckschrift 
8 (1798) Vermischte Schriften, Th. 2
Entstehung
Seite
77
Einzelbild herunterladen
 

Ant!-Kandide.

77

lichen Freund, welcher kein Wort weiter sagte, aberjeden Stein, worauf er mit scknem Leichdorn trat, alsden größten Beweis einer schlimmen Welt heimlach be-trachtete, wieder auf den Weg. Sie waren noch nichtweit gegangen, als ein ganz erbärmliches Schauspielden guten Kandide zum Hohngelächter über die vortreff-liche Schöpfung, seinen getreuen Lehrmeister aber zumgrößten Mitleid bewegte.

In einer Steingrube beym Dorfe, worin der Herrvon Tundcrdcntrunk Steine zu einer neuen und prächti-gen Windeltrcppe brechen ließ, war ein großes Stückvom Felsen herunter, und solchergestalt auf vier Arbeitergefallen, daß bloß noch ihre Köpfe hervorragten, ihreLeiber aber unter dem Berge begraben lagen. Alle Ret-tung war vergeblich gewesen, und einige von den übri-gen Arbeitern waren nur nach dem Dorfe gelaufen umdie Nachbareu und den Prediger herbeyzurufen. DerLetztere war eben, da Pangloß und Kandide vorübergin-gen, beschäftigt, jene Verunglückten mit den Worten zutrösten: daß dieser Zeit Leiden nicht werth sey der Herr-lichkeit die wir in jenem Leben zu erwarten hätten; unddaß Gott seine Auscrwahlten oft vor der Zeit wegraffe,oder aus überschwenglicher Liebe sie mir Kreuz und Un-glück heimsuche. . . . Diese Worte trafen wie ein Don-uerfchlag in Kaudideus Ohren. Denn or erinnerte sichdabey der fünfzig Prügel, welche ihm der König der Bul-garen zum Zeichen seiner Gnade unter die Füße hatte ge-ben lassen. Voll Wuth ging er daher auf den Predigerlos, schalt ihn einen gotteslästerlichen Lügner, und be-wies ihm mit vielen Gründen, daß ein böses Wesen dieWelt erschaffen habe, und daß kein allmächtiges, allgü-tiges und allweifts Wesen so viele Bosheit besitzen könne,diejenigen, welche es liebe, mir einem Felsen zu bedecken.

Die