»74 Ueber Vereinigung
edler Menschenfreund, es ist meiner Meinung nach dieVerschiedenheit nicht sowohl unsrer Glaubenslehren,als des politischen Interesse, was unsre Trennung un-terhalt und eine Vereinigung schwer macht.
Leicht, denke ich als ein frommer Laie, würdenwir uns über die sieben Sakramente vereinigen. WirProtestanten rechnen die Sakramente unter die noth-wendigen Mittel zur Seligkeit; und dafür halten wirbloß die Taufe und das Abendmahl. Ihr Katholikenhingegen haltet dieselben für heilige mit Gort eingegan-gene, und daher unverbrüchliche Verbindungen; undunter dieser Erklärung können alle sieben beysammenstehen. Wir brauchten also zu unsrer Vereinigung wei-ter nichts zu thun, als uns einander zu verstehen.
In Ansehung der Taufe sind wir im Wesentlichennicht verschieden. Im Abendmahl glauben wir alle denwahren Leib Christi zu empfangen; es ist bloß das Wie?worüber wir streiten. Und hierüber könnte die Kirche,ohne dem einen oder andern Theile zu nahe zu thun, garwohl das Stillschweigen gebieten; der Streit ist ohne-hin nicht sehr erbaulich, und im Grunde die Sache viel-leicht zu hoch für die menschlichen Begriffe. Dann bliebe»och der Unterschied wegen des Kelches übrig, den aberdie Katholiken aus Liebe zum Frieden gar wohl mit unstrinken konnten. Christus wollte sich mit seiner künfti-gen Gemeine nicht bloß dem Leibe, sondern auch derSeele nach vereinigen; und darumgab er uns sein Blut,worunter man sich bey den Juden die Seele gedachte.
Eben so könnten wir aus Liebe zum Frieden sowohl die Dhrenbeichte als das Fegefeuer annehmen.Dies letztere kann die katholische Kirche gar nicht entbeh-ren, da sie viele und nothwendige Ausgaben, wozu gar
kein