Schreiben nn den Herrn Vicar in Savoyen. izy
diesen großen Vortheil nicht gewähre, und daß es politischeVerfassungen gebe worin die schreckliche Inquisition zueinem nothwendigen Uebel, zu einem heiligen Zaumedes Despoten gereiche.
Nunmehr erwarten Sie vielleicht, daß ich die Ver-theidigung der Wahrheit unsrer christlichen Religionübernehme. Allein, hier muß ich Ihnen aufrichtig ge-stehen, daß ich kem Theologe, sondern ein Rechtsgc-lchrcer bin. Ich habe meine Betrachtungen bloss so ent-worfen, wie ich glaube, daß sie ein unparteyischerMann, der von unsrer Religion nur etwas versieht,cutwerfen konnte. Ich habe die Bedürfnisse einigerArten von menschlichen Gesellschaften, und ihre Zufälleangesehen; ich habe die Krankheiten dieser großenStaatsvoreinigungen, sie mögen Monarchien!, Aristo-kratien!, Dcmokratieen oder Tyrannicen heißen, erwo-gen, und daraus geschlossen daß ihnen eine geoffenbarteReligion jederzeit nothwendig und heilsam gewesen.Hicrnachst habe ich gefunden, daß die christliche Reli-gion zu allen Absichten, welche eine Gottheit mit denMenschen haben kann, auf das vollkommenste hinreiche.Und daraus ziehe ich den Schluß, daß wir thörichtthun, ein so vollkommnes Band zu schwachen, oderwohl gar zu zerreißen.
Schließlich bitte ich Sie, Ihrem Freunde demHerrn Rousseau zu sagen, daß eö einem großenGeiste, der taufend Seiten an einer Sache entdeckt, sehrleicht sey etwas wider die Meynung zu behaupten, undjede besondere Wahrheit einer untergelegten hohem Welt-absicht aufzuopfern; eben wie ein Held alle bürgerlicheRechte aufhebt, und einen Tempel mit Recht in Brandschießt, wenn er ihn am Siege hindert. Sagen Sie
ihm,