Schreiben an den Herrn Vicar in Savvyen. 129
Aber nun die Folge? werden Sie mir sagen.Zu welchem Ende sollen wir denn eine ungewisse natür-liche mit einer ungewissen geoffenbarten Religion ver-tauschen? — Freylich sollten wir das nicht thun.Wie, wenn wir aber hier die Wahl nicht haben?Wenn wir zu gewissen Pflichten durch eine Offenba-rung, durch einen Glauben geführt werden müssen,wie ich itzt voraussetze? Wenn das Maaß unsrer Er-kenntniß gerade nicht anders ist, und also auch nichtanders hac seyn können, als daß wir Mitteldinge etwaswissen und etwas glauben sollen, und daß wir folalichnur unter Offenbarungen zn wählen haben? Dannwerden Sie mir doch zugeben, daß es nur auf die besteWahl, und nicht mehr auf die unzulängliche natürlicheReligion ankomme; dann werden Sie mir doch einräu-men, daß eben die Ungewißheit, diese Quelle unsersVergnügens, uns fähig mache von einer hohem Weis-heit geleitet zu werden.
Vermuthlich stellen Sie Sieh aber nun in den-Weg, und rufen mir noch eifrig »ach: Was ist Wahr-heit? Was ist Wahrscheinlichkeit? Wer kennet alle Re-ligionen? Wer hat sie alle verglichen? Wer ist imGrande, den Geist einer jeden durchzuschauen, unddarnach ein richtiges Urtheil zu fallen? Entweder alleReligionen, welche das Beste der bürgerlichen Gesell-schaft, die Glückseligkeit der Menschen und die Vollkom-menheit des Ganzen befördern, sind gleichgültig, undes ist kein Unterschied ob ich dieser oder jener meinenaufrichtigen Beyfall gebe; oder aber diejenige welcheden Vorzug verlangt, und grausam genug ist andernehrlichen Leuten die Thüre des Himmeis vor der Nasezuzuwerfen, muß unterscheidende, sehr unterscheidendeKennzeichen haben, Und, wenn sie diese nicht hat:
Miller« türm. Schrillem i. P!>, I ss