94
Harlekin
Ich Härte hier gute Gelegenheit, den Herren Ge-lehrten meine Gesehicklichkeit anzupreisen, und ihnen zuzeigen, wie glücklich ihre Gestalt zu übertreiben und zutreffen sey. Ich will aber nur gutem Bedacht nurmeinen Capitano anführen. Seine dicken Paus-backen strotzen ihm von Winde; seine lauge Nase stürmt;seine Augen werfen Feuerkugeln; die Borsien seiner-Au-gcnbraunen spießen eine kleine Armee; seine Stimmedonnere; und wohin er tritt, da springt eine Mine.In dieser grotesken Karikatur wird nun zwar keiner vonunsern artigen Kriegslcuten seine süße Miene erkennen,sich aber doch auch wohl hüten in einige heimliche Achn-lichkeit mit meinem Herrn Capitano zu verfallen; we-nigstens vergnügt darüber lachen, und des andernMor-gens froh seyn, daß er bey mir einen Abend ohne Spielund ohne Verlust zugebracht: wovon ihn vielleicht keineOper abgehalten hatte, wenn es wahr ist daß sie einPranger sey, woran man seine Ohren heftet, um denKopf zur Schau zu stellen.
Damit ich hier keinen Vorwurf bekomme, so willich nochmals anführen, daß, so wie die groteske Ma-lerei) an keinem Hauptgebäude leicht Platz findet, alsoauch ich mit meinen Gemälden nur ein Nebenzimmer aufder Bühne verlange. Der Geschmack des Schie-fen, oder der sogenannte Zouc daroo, ist gewiß son-derbar schon, geHort aber nicht in Tempel und andredauerhafte Werke, welche die Ewigkeit erreiche!? sollen.Nur ein Bartas, le I'riucs clss poerez dwancois,wie er genannt wird "), ist im Grande die Große derSchöpfung in burleske Verse zu bringen; und ein Thor,die heil. Dreyfaltigkeit im Geschmack des Watteau zufordern ^). Ich aber werde mir nie einfallen lassen,
die
*) Lemaiiis cls Lartas.
") 'I'emyls clu Mut, xar Voltaire.