Der Werth wohlgewogner Neigungen.
zvohlftil erhaltenen Vorzug stolz zu seyn, und mit gar znvielem Vergnügen daran zu denken: so können wir auchdie erster» gar nicht Zur Tugend rechnen, und unstetbehenden Eigenliebe dann, schmeicheln. Die wahre Tu-gend muß aus einem freyen Entschlüsse des Geistes dasGute welches sie für ihre Pflicht erkennet, wählen; siemuß weiter als die Empfindungen gehen, und das Feldihrer Vollkommenheiten durch Ueberlegung erweitern.Das Gefühl wird oft gerührt, wo die Tugend strengeseyn muß. Standhastigkeir und Muth wohnen seltenbey der Zärtlichkeit: und diese mildert wiederum nichtallemal die Harte der erster». Die Ueberlegung muß'also bey der Wahl den Vorsitz haben. Und wenn wiralsdann sirenge oder gelinde sind, wie es die Wahrheit,die Gerechtigkeit und unsre Pflicht erfordert: so verdie-net die Strenge oder Gelindigkeit erst den großen Nameneiner Tugend. Eine glückliche Leidenschaft übertreibtgemeiniglich diejenige Tugend welche ihr Liebling ist.Sie gleicht der Fluth, die ein Schiff nicht in den Ha-fen, sondern über die Ufer aufs Land setzt. Seitenwird sie das Verhältniß zwischen allen Tugenden gleichunterhalten; und doch entsteht aus diesem Verhältnißdie wahre Große des Tugendhasten. So ist oft dasVergnügen Gutes zu thun weit vor der Gerechtigkeitvoraus, welche wir uns und Andern schuldig sind. Soist oft die Großmuth zu stolz, Wohlthaten anzunehmenwelche gleichwohl ihre Selbstcrhaltung insgeheim erfor-dert. Der sanfte Reiz, unsre Feinde versöhnen zu wol-len, bricht oft in tyrannische Wohlthaten aus, wenndieser ihr Edelmuth zu seiner Beruhigung von uns keineerniedrigende Größe, sondern eine schmeichelndeSchwache erfordert hätte. Wie oft würde ein Feindsein Leben als eine Wohlthat annehmen, wenn es ihm«nvcrmerkt gelassen und nicht Mit gar zn sichtbarer Gift
tigkeit