166 Dr. Martin Luthers tröstliches Büchlein ?c.
fürnehmsten Bewegungen eine des Gemüths, die Furcht genannt,gegeben ist, welche etliche also beschreiben, daß sie sey eine Ergötzungoder Bewegung von dem zukünftigen Uebel. Also, daß auch St.Paulus saget zu den Römern am 11, 20: Du sollt nicht hochweiseseyn, sondern dich fürchten, oder in der Furcht stehen. Und dißUebel ist so viel grösser, so viel es ungewisser ist, welchermassen,und wie groß es seyn wird, also, daß auch ein gemein Sprüchwortist: Es ist kein Alter oder Zeit des menschlichen Lebens, das derKratze oder Schäbigkeit zu alt wäre, welches doch sonst ein kindisch,ja ein saugkindisch Uebel ist. Also gar ist kein Mensch vor keinesMenschen Uebeln und Beschwerungen sicher und frey, sondern alles,das ein Mensch leidet, mag dem andern auch begegnen und wider-fahren. Daher gehören alle Historien und beschwerliche, jammer-liche Geschichte, allezeit vom Anfang der Welt, alle Klage der gantzenWelt, und daß etliche vermerckt und wahrgenommen haben mehrdenn drey hundert Arten der Kranckhciten, durch welche des Men-schen Leichnam mag angefochten werden. Wenn nun so viel Kranck-heiten seyn, wie viel meynest du wohl, daß andere unglückliche Falleund Beschwerungen der Güter, der Freunde und endlich auch desGemüths seyn, welches ein vornehmer Unterwurs und Boden allerUebel und bösen Dinge, und ein einiges Behältniß der Traurigkeitund Uebel ist, und je grösser und würdiger der Stand ist, je mehrdie Kraft und Empfindlichkeit der Uebel zunimmt.
Derhalben man sich muß alle Stunden, weil alle Dinge undSachen gleich als an einem dünnen Faden hangen, der Armuth,der Unehre, Schande und allerley Beschwerungen und Anfechtungen,besorgen, nicht anders, denn als vor dem Schwerin, das der Wü-trich Dionysius zu Sicilien über das Haupt deß, den er zu ihm zuTisch erfordert, gehangt hatte. Und was von solchen unglückseligemZustehen und Uebel nach bleibet, und uns nicht widerfahret, sollalles für einen Gewinn geschätzet und gehalten werden und für einengrossen Trost des Uebels und Unfalls, der uns begegnet ist, also,daß du gezwungen würdest, mit dem heiligen Propheten Jeremiazu sprechen, Klagl. 3, 22. 23; Das ist die Barmhertzigkeit Gottes,daß wir nicht seyn umkommen und verzehret worden. Denn allesdas Unglück und Uebel, so uns nicht übergangen, ist durch gnädigeVerhinderung der Rechten des allerhöchsten Gottes nachblieben, welchegöttliche Güte und Barmhertzigkeit uns allenthalben mit so grosserStarcke bevestet, wie im Hiob 1, 10. 11. bewiesen ist, daß es demTeufel und den Uebeln wehe thut, daß sie verhindert seyn worden.Darum sehen wir, wie treulich und hertzlich. Gott der Allmächtige