156 Dr. M. Luthers Trostschrist an seine liebe Mutter, u.
hertzlich leid, sonderlich, daß ich nicht kann leiblich bey euch seyn,wie ich wohl gerne wäre; aber doch erscheine ich hie mit dieserSchrift leiblich, und will ja nicht von euch seyn geistlich, samt al-len den unsern. Wiewohl ich aber hoffe, daß euer Hertz ohne daslängst und reichlich genug unterrichtet, und (Gott Lob) sein tröst-lich Wort wohl innen habt, dazu mit Predigern und Trösternallenthalben versorget seyd: so will ich doch das meine auch thun,und meiner Pflicht nach mich euer Kind und euch für meineMutter erkennen, wie unser beyder Gott und Schöpffer uns ge-macht und gegen einander verpflichtet hat, damit ich zugleich denHaufen eurer Tröster vermehre.
Erstlich, liebe Mutter, wisset ihr von Gottes Gnaden nunwohl, daß eure Kranckheit seine väterliche, gnadige Ruthe ist, undgar eine geringe Ruthe gegen die, so er über die Gottlosen, jaauch oft über seine eigene liebe Kinder schickt, da einer geköpft,der andere verbrannt, der dritte ertranckt wird und so fortan, daßwir allesamt müssen singen - Wir werden um deinetwillen täglichgetödtet, und sind gleich wie die Schlachtschase, Ps. 44, 23. Rom.8, 36. Darum euch solche Kranckheit nicht soll betrüben, nochbekümmern, sondern sollet sie mit Danck annehmen, als von sei-ner Gnaden zugeschickt, angesehen, wie gar ein geringes Leben esist, wenn es gleich zum Tode oder Sterben sollte gehen, gegendas Leiden seines eignen lieben Sohns, unsers Herrn Jesu Chri-sti, welches er nicht für sich selbst, wie wir, leiden müssen, son-dern für uns und unsere Sünde erlitten hat.
Zum andern wisset ihr, liebe Mutter, auch das rechte Haupt-stück und Grund eurer Seligkeit, worauf ihr euren Trost setzensollt in dieser und allen Nöthen, ncmlich den Eckstein, JesumChristum, Esa. 28, 16., Rom. 9, 33., 1. Pet. 2, 6., der unsnicht wancken noch fehlen wird, auch uns nicht sincken noch un-tergehen lassen kann. Denn er ist der Heiland und Heisset derHeiland aller armen Sünder, 1. Tim. 1, 4., und aller, die inNoth und Tod stecken, so auf ihn sich verlassen und seinen Na-men anrussen.
Er spricht: Seyd getrost, ich habe die Welt überwunden.Hat er die Welt überwunden, so hat er auch gewißlich den Für-sten der Welt mit aller seiner Macht überwunden. Was ist aberseine Macht anders, denn der Tod, damit er uns unter sich ge-worfen, um unserer Sünde willen gefangen hatte? Aber nun derTod und Sünde überwunden ist, mögen wir fröhlich und tröst-lich das süsse Wort hören: Seyd getrost, ich habe die Welt über-