48 Zesaia 35.
Derowegen setzet er überall Tröstungen hinzu, daß es klar ist, errede von der Kirche, welche dem Scheine nach bedränget, jedochmit geistlichen Gaben gezieret und reichlich begäbet sey.
V. 1. Aber die Wüste und Einöde wird lustig seyn und dasGefilde wird fröhlich stehen, und wird blühen, wie dieLilien.
Er sagt hier von der Kirche, daß sie blühe und sehr fröh-lich stehe, und dennoch nennet er sie eine Wüste und Einöde, daßer damit andeute, dieses sey wahr im Geist, aber verborgen demFleische nach. Denn die Kirche blühet nicht in der Gerechtigkeitder Wercke, in der Weisheit des Fleisches, oder in der Macht derWelt, sondern es erscheinet an selbiger in allem das Gegemheil.Denn sie gehet nicht einher, wie ein Mönch, sondern schlecht undeinfaltig, was Kleidung, Speise und Ort anbetrifft. Ueberdiß soist ihre Lebensart gemein, wie anderer Leute, und nichts beson-ders, oder abgesondert von anderer Leute Gewohnheit und Um-gang, sondern da ist Vater, Mutter, Knecht, Magd, Weib, Mann,Lehrer, Schüler rc., bey welchen Lebensarten kein prahlerischerSchein der Heiligkeit zu sehen ist. Derohalben scheinet sie gareine Wüste zu seyn, in welcher man keine Blüthen der fleischli-chen Gerechtigkeit und Weisheit der Welt stehet, und dennochhat sie Blüthen und Sprossen der Gnade und des Heiligen Gei-stes, nemlich das Vertrauen auf Christum, daß er unsere Weis-heit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung, daß er unser Schatzsey, 1. Cor. 1, 30. Aus diesem Vertrauen folget hernach ein gu-tes und fröhliches Gewissen. Denn in Christo ist Friede, Leben,Freude ?c. Allein diese unermeßlichen Gaben sind ohne Scheinin der Welt und werden nicht gesehen; doch scheinen von aussendie Wercke der Liebe, der Gehorsam gegen die Obern, gegen dieObrigkeit, gegen die Eltern, gegen die Lehrmeister; die Sorgfaltfür die Niederen, für die Kinder, für die Unterthanen; die Sanft-mulh, ein aufrichtiges Hertz gegen alle, die unablaßliche Bemü-hung, allen zu helfen, von welchen sie wissen, daß sie ihrer Hülfebedürfen ?c. Und auch diese höchsten Wercke der Liebe üben sieaus ohne herrliches Geprange, mit der größten Bereitwilligkeitdes Hertzens, an allen Orten und zu allen Zeiten ohne Unterlaß.Also lebet die Kirche in der Welt verdeckt und verborgen. Dero-wegen scheinet sie billig eine Wüste und Einöde zu seyn, die vorder Welt ungebauet lieget; vor Gott aber ist sie ein wohlange-baueter Acker, der nicht durch unsere Wercke, sondern durch dasWert und durch die Gaben des Heiligen Geistes gcbauet wird,