XIII
von geschichtlichen Gründen der Acchtheit gar nicht die Rede, son-dern diese ersetzt die päpstliche Bestätigung. Ein anderer Satz deskanonischen Rechtes besagt, daß alte Reliquien in eben der Ver-ehrung gehalten werden sollen, in der sie bisher waren ^). HätteHr. Marr sich damit begnügt auszusprechen: dieser Rock ist zu ver-ehren, weil er, wie andere Röcke, päpstlich bestätigt und weil erfrüher verehrt ist, so wären zwei streng geschiedene Gebiete, daskirchliche und das historische, auch streng geschieden geblieben undvon denselben Voraussetzungen ans keine Widerlegung möglich ge-wesen. Statt dessen befindet sich Hr. Marr selbst im Zweifel, derpäpstliche Ausspruch ist ihm kcineswcgeS genügend, sondern um fürsich und andere noch darüber hinaus eine aparte geschichtliche Be-glaubigung zu haben, begiebt er sich auf das Feld der historischenKritik. Seine Schrift ist für die gebildeten Katholiken, und, schlie-ßen wir aus dem öfter» Herbeiziehen derselben richtig, für Pro-testanten berechnet; sie will die Acchtheit deS Trierer RockcS auchfür den vernünftigen Standpunkt erhärten und bedient sich dazueines aufgeklärten Raisonncments und durchaus rationalistischer,vom Glauben unabhängiger Gründe und Wahrscheinlichkeiten. DieStrafe für dies Aufgeben der kirchlichen Unfehlbarkeit bleibt nichtaus: er muß auf diesem Felde unfehlbar zu kurz kommen und er-lebt höchstens den Triumph, einen Hrn. von der Hagen vollständighinter das Licht zu führen, der ihm ^) getreulich nachbetet, und zwarin der Art, daß die schon um 327 gestorbene Helena den Rock um330 nach Trier geschickt habe, und so festes Vertrauen in den TriererRock setzt, daß er fdurch eine Verwechselung mit dem grundver-schiedenen Bremer ungenähten Nock, von dem er die Glocken hatläuten hören) denselben durch Waldemar aus Trier stehlen läßt,eine Bereicherung der Geschichte, für die ihm Hr. Marr gewiß nichtdankbar ist, da dann doch der jetzige Trierer Nock erst recht nnächtwürde. Nicht einmal Hr. Marr kann auf so gutmüthige Gläubigegerechnet haben, denn sonst hätte es schwerlich der Versicherung be-durft, daß seine Schrift nicht völlige Zuverlässigkeit in Anspruchnehmen könne.
Indem wir neben der Richtigkeit auch die Aufrichtigkeit diesesGeständnisses gern anerkennen, und, wie gesagt, uns bemühen wer-den, nachzuholen, was Hr. Marx unterlassen, nämlich deutlich zuzeigen, worin die Unzuvcrlässigkeit bestehe, deren er sich im Stillenso bewußt ist, bedauern wir, zum Schluß dieser Charakteristik seinesBuches nicht verschweigen zu dürfen, daß es keinesweges mit demerforderlichen Wahrheitssinne geschrieben ist. Dieser Mangel anWahrheitssinn besteht nicht bloß darin, daß er keineswegs alle Hülfs-
kidliotli. eniwn. v. Venei'utio n. 61.
Der ungenähtc graue Nock Christi. Altdeutsches Gedicht, aus der ein-zigen Handschrift, mit Bcrglcichung des alten Druckes, herausgcgcdeuvon F. H. von der Hagen. Berlin. 1844. Vorrede S. ni. und iv.