In der Gegend von Trier selbst ward erzählt: der christlicheKaiser Constantin, natürlich auf Pilatus höchst erzürnt, daß er Chri-stus habe hinrichten lassen, habe ihn zur Rechenschaft gezogen, Pila-tus aber, so oft er gestraft werden sollte, den ungenähten Nock, dener an sich gebracht, umgehängt, so daß ihm kein Leid habe geschehenkönnen, zur großen Verwunderung des Kaisers. Endlich habe Vero-nica das Gehcimniß verrathen, Constantin den Nock an sich genom-men und Pilatus seine Strafe erlitten.
Diese Geschichte steht bekanntlich, nur daß, statt des Constantin,Tiberius oder ein anderer der ersten römischen Kaiser gesetzt wird, invielen Schriften des späten Mittelalters; aus dem Matthäus vonWestminster erzählt sie auch Hr. Marr S. 12, der aber viel zu ver-ständig ist, um sie zu glauben.
Es ist in dieser Vorstellung dieselbe Naivität des Glaubens, die-selbe Sinnlichkeit der Anschauung, und deshalb derselbe poetische Reiz,wie in der Geschichte deS unverwundbaren Königs Orendcl. Um sointeressanter ist die Wahrnehmung, daß eine Mischung beider Legen-den trotz aller gelehrten Verehrung der h. Helena, trotz Sylvester,Hommcr und Marr bis auf den heutigen Tag Bonn gegenüber aufdem rechten Nheinufer volksthümlich überliefert wird. In Trierherrschte einst, lautet die Erzählung, ein wilder und grausamer Kö-nig, der die geringsten Vergehen sogleich mit Qualen und Hinrichtungbestrafte. Einmal war ein Soldat bei ihm bezichtigt wegen einer un-bedeutenden Sache; in seiner Todesangst klagte er überall sein Leid,und ein Jude gab ihm den wunderthätigen Rock, der werde ihn be-schützen. Er stellte sich dem Könige und wurde zu allgemeinem Er-staunen freigesprochen. Einem zweiten, im gleichen Falle, dem er denNock anvertraute, erging es nicht anders. Ein dritter, der bald nach-her ein wirklich todeswürdiges Verbrechen begieng, wußte ihn eben-falls zu bewegen, ihm den Nock zu leihen, und selbst hier bewährte sichdie Kraft des Nockes zum drittcnmale. Nun aber war der Königselbst erstaunt, daß er gegen seinen Willen kein Todesurtheil mehr zusprechen vermochte, und drang in den Soldaten, wodurch er solch eineSache habe bewirken können. Dadurch kam das wunderbare Vermö-gen des Rockes an das Licht, man erkannte ihn als das ungcnähteGewand des Heilandes und fortan wurde er zu Trier in höchster Ver-ehrung gehalten.