140 Shakespeares Mädchen und Frauen.
eine Satire auf daS Christentum gemacht haben, wenn er es vonjenen Personen repräsentieren ließe, die dem Shylvck feindlich gegen-über stehen, aber dennoch kaum wert sind, demselben die Schnhriemcnzn lösen. Der bankrotte Antonio ist ein weichliches Gemüt ohneEnergie, ohne Stärke des Hasses und also auch ohne Starke der Liebe,ein trübes Wurmherz, dessen Fleisch wirklich zn nichts Besseren! taugt,als „Fische damit zn angeln". Die abgcborgten dreitausend Dukatenstattet er übrigens dem geprellten Juden keineswegs zurück. AuchBassaniv giebt ihm das Geld nicht wieder, und dieser ist ein echtertortnns-Irnntsr, nach dem Ausdruck eines englischen Kritikers; er borgtGeld, um sich etwas prachtig herausznstasfieren und eine reiche Heirat,einen fetten Brantschatz zu erbeuten; denn, sagt er zu seinem Freunde:Euch ist nicht unbekannt, Antonio,
Wie sehr ich meinen GlückSstnnd Hab' erschöpft,
Indem ich glänzender mich eingerichtet,
Als ineine schwachen Mittel tragen konnten.
Auch jammr' ich jetzt nicht, daß die große ArtMir untersagt ist; meine Sorg' ist bloß,
Mit Ehren von den Schulden loszukommen,
Worin mein Leben, etwas zn verschwendrisch,
Mich hat verstrickt. — —
Was gar den Lorenzo betrifft, so ist er der Mitschuldige einesder infamsten Hansdiebstähle, und nach dem preußischen Landrechtwürde er zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt und gebrandmarktund an den Pranger gestellt werden; obgleich er nicht bloß für ge-stohlene Dukaten und Juwelen, sondern auch für Natnrschönheitcn,Landschaften im Mondlicht und für Musik sehr empfänglich ist. Wasdie andern edlen Venetianer betrifft, die wir als Gefährten desAntonio auftreten sehen, so scheinen sie ebenfalls das Geld nichtsehr zu hassen, und für ihren armen Freund, wenn er ins Unglückgeraten, haben sie nichts als Worte, gemünzte Luft. Unser guterPietist Franz Horn macht hierüber folgende sehr wässerige, aber ganzrichtige Bemerkung: Hier ist nun billig die Frage auszuwerfen:wie war es möglich, daß es mit Antonios Unglück so weit kam?Ganz Venedig kannte und schätzte ihn, seine guten Bekannten wußtengenau um die furchtbare Verschreibnng, und daß der Jude auch nichteinen Punkt derselben würde auslöschen lassen. Dennoch lassen sieeinen Dag nach dein andern verstreichen, bis endlich die drei Monatevorüber sind, und mit denselben jede Hoffnung auf Rettung. Eswürde jenen guten Freunden, deren der königliche Kaufmann ja ganzeScharen um sich zu haben scheint, doch wohl ziemlich leicht gewordensein, die Summe von dreitausend Dukaten zusammenzubringen,nnc ein Menschenleben — und welch eins! — zn retten; aber der-gleichen ist denn doch immer ein wenig unbequem, und so thun die