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4 (1898) Shakespeares Mädchen und Frauen Tragödien
Entstehung
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119 Shakespeares Mädchen und Frauen.

nur die eigentliche Litteratur kennt, muß ich hier bemerkest, daßbenannter Herr Ranpach ein sehr nützlicher Mann ist, ein Tragödien-und Komödien-Lieferant, welcher die Berliner Bühne jeden Monatmit einem neuen Meisterwerke versieht. Die Berliner Bühne isteine vortreffliche Anstalt und besonders nützlich für Hcgelsche Philo-sophen, welche des Abends von dem harten Tagwerk des Denkensausruhen wollen. Der Geist erholt sich dort noch weit natürlicher,als bei Wisotzki. Man geht ins Theater, streckt sich nachlässig hinans die sammcten Bänke, lorgniert die Augen seiner Nachbarinnenoder die Beine der eben auftretenden Miniin, und wenn die Kerlsvon Komödianten nicht gar zu laut schreien, schläft man ruhig ein,wie ich es wirklich gethan am 29. August des Jahres 1827 nachChristi Geburt.

Als ich erwachte, war alles dunkel rund um mich her, und beidem Scheine einer mattflimmernden Lampe erkannte ich, daß ich michganz allein im leeren Schauspielhanse befand. Ich beschloß, denübrigen Teil der Nacht dort zu verbringen, suchte wieder gelindeeinzuschlafen, welches mir aber nicht so gut gelang, wie einigeStunden vorher, als der Mohnduft der Raupachschcn Verse mir indie Nase stieg; auch störte mich allzusehr das Knuspern und Gcpiepseder Mäuse. Unfern vom Orchster raschelte eine ganze Mäusekolonie,und da ich nicht bloß Raupachsche Verse, sondern auch die Sprachealler übrigen Tiere verstehe, so erlauschte ich ganz unwillkürlich dieGespräche jener Mäuse. Sie sprachen über Gegenstände, die eindenkendes Geschöpf am meisten interessieren müssen' über die letztenGründe aller Erscheinungen, über das Wesen der Dinge an und fürsich, über Schicksal und Freiheit des Willens, über die große Rau-pachsche Tragödie, die sich kurz vorher mit allen möglichen Schreck-nissen vor ihren eigenen Augen entfaltet, entwickelt und geendigt hatte.

Ihr jungen Leute, sprach langsam ein alter Mäuserich, ihr habtnur ein einziges Stück oder nur wenige solcher Stücke gesehen, ichaber bin ein Greis, und habe deren schon viele erlebt und alle mitAufmerksamkeit betrachtet. Da habe ich nun gefunden, daß sie sichim Wesen alle ähnlich, daß sie fast nur Variationen desselben Themassind, daß manchmal ganz dieselben Expositionen, Verwicklungen undKatastrophen vorkommen. Es sind immer dieselben Menschen unddieselben Leidenschaften, welche nur Kostüme und Ncdefiguren wechseln.Da sind immer dieselben Beweggründe des Handelns, Liebe oderHaß oder Ehrgeiz oder Eifersucht, der Held mag nun eine römischeToga oder einen altdeutschen Harnisch, einen Turban oder einenFilz tragen, sich antik oder romantisch gebärden, einfach oder geblümt,in schlechten Jamben oder in noch schlechteren Trochäen sprechen. Dieganze Geschichte der Menschheit, die man gern in verschiedene Stücke,Akte und Auftritte einteilen möchte, ist doch immer eine und dieselbe