Niccolo Paganini. 281
bittende Blick der eines Todkranken, oder lauert dahinter der Spott eines schlauenGeizhalses? Ist das ein Lebender, der im Verscheiden begriffen ist und der dasPublikum in der Kunstarena, wie ein sterbender Fechter, mit seinen Zuckungenergötzen soll? Oder ist es ein Toter, der aus dem Grabe gestiegen, ein Vampirmit der Violine, der uns, wo nicht das Blut aus dem Herzen, doch auf jedenFall das Geld aus den Taschen saugt?"
Heine hatte ein „musikalisches zweites Gesicht", wie er selbst erklärt; es machtuns dies begreiflich, daß er, der absolut nichts von Musik verstand, die feinstenmusikalischen Intentionen von Komponisten und Künstlern erfassen und schildernkonnte. Er hatte die merkwürdige Begabung, bei jedem Ton, den er erklingenhörte, „auch die adäquate Klangfigur zu sehen". Und so kam es denn, daß ihmPaganini mit jedem Striche seines Bogens auch sichtbare Gestalten und Situa-tionen vor die Seele zauberte, daß er ihm „in tönender Bilderschrift" allerleigrelle und zauberhafte Geschichten erzählte, daß er vor ihm gleichsam „ein farbigesSchattenspiel hingaukeln ließ, worin er selbst immer mit seinen: Violinspiel als dieHauptperson agierte". Da verwandeln sich ihm die Coulissen des Theatersaalesin das heitere, lauschige Boudoir einer Primadonna, die wunderbare Melodiensingt, wie sie die Nachtigall flötet in der Abenddämmerung, indes Paganini, dersich in einen strahlenden Kavalier verwandelt hat, sie mit den entzückendsten Tönenseiner Violine begleitet. Da er vor der holden Sängerin niederknieen will, umihr zu huldigen, erblickt er unter dem Bett „einen kleinen Abbate". Er zieht einStilet aus der Tasche und stößt es in die Brust der jungen Schönen....
Eine andere Variation über dasselbe Thema führt den Dichter -in die Hölle,wo ihn: Paganini als ein gefesselter Teufel erscheint, der seinem Instrumentschaurige Weisen entlockt, Töne, „in deren bodenloser Untiefe weder Trost nochHoffnung glimmte", gleich dem Gesang der gefallenen Engel, „die mit denTöchtern der Erde gebuhlt hatten und, aus dem Reiche der Seligen verwiesen,mit schamglühenden Gesichtern in die Unterwelt hinabstiegen". Da wagt dergequälte Künstler plötzlich einen Strich, daß die Ketten entzweispringen und dieGespenster der Hölle verschwinden.
Ein drittes Bild zeigt Paganini in brauner Mönchstracht auf einem felsigenVorsprung am Meere in der Dämmerung sitzend und Violine spielend. Mit seinerZauberformel beschwört er die Geister der Fluten und entfesselt einen Sturm, derall die Unholde der Tiefe heraufbringt: „Ungetüme von fabelhafter Häßlichkeit,Krokodile mit Fledermausflügeln, Schlangen mit Hirschgeweihen, Affen, bemütztmit Trichtermuscheln, Seehunde mit patriarchalisch langen Bärten, Weibergesichtermit Brüsten an den Stellen der Wangen, grüne Kamelsköpfe, Zwittergeschöpfevon unbegreiflicher Zusammensetzung", alle mit kaltklugen Augen hinglotzend nach