Müller von Königswinter. Heinrich Börnstein. 277
Wir kommen nun zu den Kleinsten der Kleinen und hier ist die Auswahlwirklich schwer. Zeitlebens hat Heine - ob freiwillig oder gezwungen, weiß ichnicht — viel mit den Kleinen verkehrt, und seine Beziehungen zu diesen sind nichtdie unbedeutendsten in dem Schiffskatalog seiner Freundschaften. Ich wähle daheraufs Geratewohl einen von diesen Vergessenen oder Uebergangenen aus. SeinName war Heinrich Börnstein. Der Mann ist fast gar nicht bekannt? ergehörte mit zu jenen anonymen Helden, von denen Konrad Bolz so schön sagt,daß ihre Lebensaufgabe darin bestehe, das Brot der Zukunft zu backen, indes sieselbst unbekannt und unbeachtet dahergehen. Dieser Heinrich Börnstein hat voretwa dreißig Jahren die Erinnerungen seines vielbewegten Lebens aufgezeichnet unterdem Titel: „Fünfundsiebzig Jahre in der alten und neuen Welt". Aber auch dieseMemoiren sind nur wenig beachtet worden, obwohl sie eine Fülle des interessan-testen Stoffes enthalten. Ich hatte sie gleich beim Erscheinen zufällig gelesen undgefunden, daß sie, neben manchem Unrichtigen und Verkehrten, doch auch einzelnesehr interessante Mitteilungen über Heinrich Heine enthalten, die trotz allem, waswir über seinen Aufenthalt, zumal in Paris, wissen, doch sein Bild nach verschie-denen Richtungen hin wertvoll ergänzen. Heinrich Börnstein kam nach Paris imJahre 1842 mit einem großen Unternehmen, nämlich mit dem Projekt einer deut-schen Oper. Leider fand diese ein jähes Ende, und zwar durch den Ausbruchder Cholera. Achtzig Menschen standen hilflos in der Fremde da, unbekannt mitder Sprache, ohne einen Pfennig in der Tasche. Da unternahm es Börnstein,zu ihrem Besten ein Konzert zu geben? zu diesem Zweck suchte er auch Heine auf.Hören wir, wie er diese erste Visite schildert: „Wir schickten unsere Karten hinein,und nach einer Weile kam der geniale Dichter hinaus in die Küche, entschuldigtesich, daß er uns hier empfangen müsse, da Madame Mathilde noch im tiefstenNeglige und der Salon noch nicht aufgeräumt sei? dann setzte er sich auf denKüchentisch und bat uns, auf zwei Holzstühlen Platz zu nehmen. Obwohl es schon9 Uhr war, war Heine ebenfalls noch im tiefsten Neglige? ein großes Foulard umden Kopf gebunden, eine weiße Nachtjacke, ebensolche Unterhosen, deren aufgeknöpfteBänder an den Knöcheln wie Merkursflügel flatterten, und schlarrende Pantoffelnbildeten seinen Anzug. Welch ein Abstand von dem idealen Bilde, welches ich mirin meiner Phantasie von meinem Lieblingsdichter gemacht hatte. Aber das freund-liche und geistvolle Gesicht, das schöne Auge, sein liebenswürdiges Wesen versöhntenmich bald mit dem unpoetischen Neglige. „Ja, meine Herren", sagte er, nachdem wirihm die Sachlage vorgetragen, „ich helfe meinen undankbaren Landsleuten gern, so-viel ich kann, aber Geld habe ich keines, ich bin selbst ein litterarischer Proletarier,Journalkorrespondent, »feuilletonistischer Lump<„ wie sie das in Deutschland nennen.Aber ich habe einige Freunde in Paris, und bei diesen will ich mich verwenden".