276 Die Kleinen.
bcnder, der seit Anfang des Jahrhunderts in Düsseldorf gelebt und mit demRektor Schallmeyer befreundet war, daß dieser würdige Geistliche sich über dasGenie des kleinen Gymnasiasten außerordentlich günstig ausgesprochen und geäußerthabe, der kleine Schüler werde ein großer Mann oder ein großer Halunke werden!
Der einzige Mann, für den sich Heine damals interessierte, war Karl Jmmer-mann. Indes bekundete sich sein Urteil über diesen Freund nicht mehr soanerkennend wie die Zeugnisse, die er ihm im Beginn seiner schriftstellerischenLaufbahn ausgestellt hatte.
Im November 1847 war Wolfgang Müller wieder in Paris und besuchteHeine in der Rue d'Amsterdam, wie er in seinen Erinnerungen behauptet,mit Jakob Venedey. Indes scheint hier ein Gedächtnisfehler vorzuliegen, daHeine damals mit Venedey arg verfeindet war. An dem Tage war gerade dieNachricht von dem Tode Felir Mendelssohn-Bartholoys und des berühmtenOperateurs Dieffenbach in Paris eingetroffen. Heine war mit beiden befreundetgewesen und beklagte besonders das Hinscheiden des berühmten Chirurgen, mitdem er in Bonn zusammen studiert hatte. So wurde die Unterhaltung einrechtes Todesgespräch. Ueber Jmmermann äußerte er sich diesmal mit weit größererAchtung, ja, sogar Platen ließ er plötzlich alle Gerechtigkeit angedeihen und bedauertevon Herzen seine Angriffe auf einen Mann, der ein Pfleger der edelstenRichtung in der Poesie wurde, und dessen Kräfte, die sich in stetigein Wachstumzeigten, er unterschätzt habe.
Auch von den Memoiren war an jenem Tage viel die Rede, und ich erwähnedies ausdrücklich, weil Wolfgang Müller von Königswinter, der doch ein durch-aus glaubwürdiger Zeuge war, in dem Kampfe, der vor einigen Jahren überdie Heineschen Memoiren entbrannte, von keiner Seite als Zeuge citiert wurde.Heine erzählte ihm, daß er häufig an seinen Memoiren arbeite, und daß er zudiesem Zweck in der letzten Zeit seine Korrespondenzen durchgesehen und darinPapiere gefunden habe, „welche manchen jetzt florierenden Beamten als Hoch-verräter hinstellen würden, wenn er sie veröffentlichte". Als die beiden rheinischenLandsleute aufbrachen, erhob sich Heine von seinem Schmerzenslager und versuchteohnmächtig mit dem Fuße zu stampfen, als wolle er sein Siechtum abschütteln.Aber die Beine schlotterten, er konnte kaum auf den Füßen stehen. WolfgangMüller schließt seine Mitteilungen über Heine mit folgendem Satz: „Als ich ihmniit den besten Wünschen für seine Genesung die Hand reichte, versicherte er mir,daß er über alle Täuschung hinaus sei und sich jeden Tag mehr und mehr ab-sterben fühle. Er ist aber noch lange, lange Jahre gestorben, bis er am 17. Februar1856 wirklich als ein toter Mann auf der Bahre lag".