Alfred Meißner. 271
Daß ich die Spur der Mouche, Elise Krinitz, ganz und gar verloren, wissen Sie aus meinenNotizen im „Schattentanz", aber die Geschichte, die sie selbst erzählt, glaube ich nach reislicherUeberlegung nicht mehr; alles, was sie sagt, ist verdreht.
Dann sollten Sie zu erfahren suchen, wo Henri Seufserts Verwandte leben (er war ausWürzburg), dort liegen sicherlich auch interessante Briefe aus der Heiratsepoche. Seuffert warnämlich Trauzeuge Heines. Für Berlin müssen Sic bei Roberts (Rahels Bruder) Erben nach-graben; die besungene Friederike ist Ludwig Roberts Frau, frühere Primavese. Das ist alles sehrinteressant zu malen; es giebt interessante Figuren vollauf. In diesen Kreis gehört auch Claurcn(Heun), der wahrlich mehr Talent hatte als alle, die ihn jetzt mit Kot bewerfen. Keiner ist soschlecht gemacht worden wie er und doch hat er einzelnes ganz Bortreffliche geschrieben. Aberdas darf niemand mehr äußern.
Ueber Grillparzer hat Heine, soviel ich mich erinnere, nie gesprochen. Er hat gewiß auch fürHeine nicht existiert. Die Naturen sind gar zu verschieden, wenngleich zwischen. „Ratcliff" und„Ahnfrau" manche Beziehungen bestehen. Akademiker und Kunstdichter waren ihm schrecklich.
Nun breche ich ab und wiederhole nur, daß ich Ihr Vorhaben mit den allerbesten Wünschenbegleite und daß ich Ihnen dabei mit allem, was ich weiß, zur Seite stehe. Sie sollten mir denletzten Abschnitt eigentlich im Manuskript zeigen; gewiß könnte ich da oder dort etwas sagen.
Ich bin und bleibe in herzlicher Ergebenheit Ihr
Meißner."
Unvergeßlich bleibt mir die Dezemberstunde des Jahres 1880, in der inmeinem Junggesellenstübchen Alfred Meißner und Berthold Auerbach sich ein-mal zusammenfanden. Alfred Meißner stand am wärmenden Ofen und Auer-bach durchmaß das Zimmer mit festen Schritten. Sie stritten sich um Heine.Auerbach war zeitlebens ein Gegner des Dichters und die Verteidigung Meissnersbrachte ihn förmlich in Harnisch,- je heftiger Auerbach wurde, desto stiller wurdeMeißner, der ja ohnedies im Wortgefecht durch ein natürliches Hindernis gehemmtwurde. Als Auerbach einmal das Wort „Lump" auf Heine anwandte, da wurdeMeißner dunkelrot, aber er schwieg. Erst als Auerbach fortgegangen war, öffneteer mir sein Herz und in ungewohnter Beredsamkeit flössen ihm die Wolle vom Mundezum Lobe seines Freundes. In jener dunklen Stunde sagte er mir die unvergeß-lichen Worte; „Die Freundschaft mit Heine ist eine der schönsten und heiligstenErinnerungen, die ich in meinem Lebensbuch um keinen Preis missen möchte.Diese Erinnerungen stehen in meinem Gedächtnis dicht hinter denen an meineMutter und an meine erste Liebe!"
Diese posthume Treue des Dichters für seinen Helden hatte etwas ungemeinRührendes. Sie verklärte auch das Häßliche und die Nachtseiten in dem Lebenund Schaffen des Dichters, der ja für den jungen Meißner ebenfalls eine großeVorliebe besaß und ihn sogar einmal in einer französischeil Vorrede zu seinemWerke als den einzig berechtigten Erben Friedrich Schillers in Deutschland zubezeichnen wagte.
Heinrich Laube, der später übrigens Meißner wenig zugethan war, erzähltemir selbst, daß er Meißner mit einem warmen Empfehlungsbrief Heine zugeschickt