Das Urteil über Thiers. 227
Gefühl, es ergreift ihn die Ahnung eines sozusagen zeitlichen Weltbürgertums, undin solchem Moment sprach er einst die merkwürdigen Worte: Ich liebe mein Jahr-hundert, denn dieses ist ein Vaterland, das ich in der Zeit besitze".
Als Thiers im Jahre 1840 Deutschland bereist hatte, berichtet Heine mitbesonderer Genugthuung: „Mit großer Vorliebe und entschiedenem Respekt sprichter vom deutschen Volke, und die Ansicht, die er von unserem Vaterland mit-gebracht, wird gewiß gedeihlich wirken, gleichviel ob er wieder ans Staatsrudergelangt oder nur den Griffel der Geschichte in der Hand behält".
Als Heine im Jahre 1854 nun seine Berichte für die „Augsburger AllgemeineZeitung", die unter dem Namen „Lutetia" allgemein bekannt sind, zusammengestellthatte, säumte er nicht, sofort nach Erscheinen des Buches auch an Adolphe Thiersein Exemplar zu schicken. Den Begleitbrief dazu hat Jules Legras in seinemfranzösischen Buche über Heine zum erstenmal veröffentlicht, und ich lasse diesenBrief an Thiers, der zur Charakteristik des Verhältnisses beider sehr wichtig ist,hier in der llebersetzung folgen:
„Mein Herr!
Da Sie gegenwärtig nicht an der Regierung sind, und zur Zeit, wo Sie es sein werden, derarme Sterbende, der Ihnen heute diese Zeilen schreibt, menschlicher Protektion nicht mehr bedürfenwird, glaube ich, nicht den Verdacht zu erregen, als gehorchte ich weltlichen Motiven, indem ichmich heute beeiscre, das Interesse, mit dem Sie mich stets beehrt haben, neu zu beleben undzu erhöhen.
Ueber diesen Punkt beruhigt, will ich Ihnen gern das Geständnis machen, das; der Wunsch,etwas zu thun, was Ihnen angenehm sein könnte, nicht wenig, wenn nicht am meisten, zu demEntschluß beigetragen hat, die Sammlung von Briefen zu veröffentlichen, welche das BuchImtöos« bildet, und welche ich die Ehre habe, Ihnen anbei zu überreichen. In der geistigenVerfassung, in der meine Deutschen heute sind, war diese Publikation sehr mißlich, und ich zweiflegleicherweise, daß die französische Version meines Buches in diesem Augenblick große Sympathiein Frankreich finde; sie kommt vielleicht zu einer sehr ungelegenen Stunde.
Einerlei; ich habe durch diese Veröffentlichung die glänzendsten Tage jener parlamentarischenPeriode wieder wachrufen wollen, welche in der Geschichte nur durch drei große Namen reprä-sentiert sein wird: die von Louis Philippe, von Thiers und von Euizot, und ich glaube, meinenZweck nicht ganz und gar verfehlt zu haben. Ja, es giebt nur diese drei Namen, welche diekleinen Jungen der Zukunft in der Schule auswendig zu lernen haben, um ein gutes Eramenzu machen; Dame Elia bewilligt auf ihren Tafeln den Herren zweiten Ranges nicht vielen Raum,und sie liebt es, eine ganze Epoche bald in einem einzigen großen Manne, bald in einem glor-reichen Triumvirat zusammenzufassen. Ich bin dem Beispiel der Göttin in meinem BuchDutdoo gefolgt, das ich Sie bitte, nur nach seiner Gesamtheit beurteilen zu wollen und nichtnach seinen Einzelheiten, oder selbst nach Ausdrücken, die zuweilen ein wenig hart sein können.Wenn ich dem Ministerium des I.März Opposition gemacht habe — eine Opposition, welcheübrigens nicht allzugefährlich war —, wenn ich sogar Sie zuweilen als Minister hart angelassen,so habe ich doch niemals verfehlt, in Ihnen dem Ehrenmanne und dem Manne von Geniegerecht zu werden und Sie gegen das Toben meiner Landsleute zu verteidigen, welche damalsso viele alberne Schmähungen und Verleumdungen gegen Sie ausspieen. Die Zeit hat dieseletzteren gerichtet. Aber während Ihres Ministeriums von 1849 fanden die albernsten Lügenjenseits des Rheines Glauben....
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