Legenden. Mignet. 219
Aber auch eine Versöhnung mit Ferdinand Lassalle im eigentlichen Sinne desWortes hat niemals stattgefunden. Mit lebhaftem Interesse verfolgte Heine dasfernere Leben und die Entwicklung Lassalles; seine Meinung von ihm wuchssogar in den folgenden Jahren, und wiederholt sprach er sich zu Alfred Meißner,Heinrich Laube und Fanny Lewald in der anerkennendsten Weise über ihnaus. Fanny Lewald hat mir vor Jahren ziemlich ausführlich ein Gesprächmitgeteilt, welches sie und Adolf Stahr mit Heine im Herbst 1853 darüber geführthaben. Heine sprach damals viel von Lassalles gewaltthätiger Kraft und seinengenialen Geistesblitzen. Er bewunderte, wie sich in ihm die besten und schlechtestenSeiten, alle Vorzüge und Fehler seiner Rasse „ein Rendezvous" gegeben haben,und er schloß seine Rede mit den prophetischen Wörtern „Aber er wird keingutes Ende nehmen!"
Zwanzigstes Kapitel. Drei Historiker.
s war mehr als ein Zufall, daß Heine während seines Pariser Lebens zuden drei großen französischen Historikern des Jahrhunderts in persönlichenBeziehungen gestanden hat. In jedem Poeten steckt etwas von einem Historiker,und jeder echte Geschichtschreiber hat eine poetische Ader. Bei Heine tritt derhistorische Sinn schon seit Anbeginn seiner schriftstellerischen Wirksamkeit lebendighervor. Geschichtliche Probleme fesseln ihn beständig. Mit den Zeitfragen sucht ersich immer und überall in seiner Weise abzufinden.
Die Geschichte als solche erschien ihm nicht als die Zusammenstellung von Begeben-heiten, sondern als ein Spiegelbild des Lebens, durch das der Odem der Mensch-heit zieht. Daher gehörte für ihn alles zur Geschichte, was das Leben erfüllt:Kunst, Poesie, Religion, Humanität, Kultur. Darum wuchs aber für ihn auchdie Ausgabe des Historikers weit über den Rahmen dessen hinaus, was mandamals in Deutschland als Geschichtschreibung anzusehen noch geneigt war. Deshalbwendete er sich schon in der Heimat mit Vorliebe von den deutschen Quellen-forschern zu den französischen Geschichtschreibern.
Als Heine nach Paris kam, kannte er bereits die französische Revolutionsgeschichtevon Thiers. In den ersten Jahren seines dortigen Aufenthalts studierte er dieGeschichtswerke von Guizot über die englische und von Mignet über die französischeRevolution. Er konnte deshalb den drei genannten Historikern mit einer Sach-kenntnis gegenübertreten, die diese bei dem deutschen Dichter vielleicht gar nicht ein-mal vorausgesetzt haben.
Von besonderem Interesse für uns ist sein Verhältnis zu Francis Mignet,dem geistreichen französischen Historiker. Heine lernte Mignet im Salon der