212 Ferdinand Lassalle.
„Calmonius" getauft, in Erinnerung an einen bekannten Berliner HofjudenFriedrichs des Großen, mit dem sein Freund, wie er sagte, viele große Eigen-schaften eines Spekulanten: Scharfblick, Gewandtheit, Unerschöpflichkeit der Mittel,pessimistische Weltanschauung und eine große For^e im Lügen gemein hatte. Vondem historischen Calmonius behauptete Heine, daß er in intimen Beziehungen zumalten Dessauer gestanden habe, und zur Bekräftigung dieser Behauptung erzählteer gern die folgende Geschichte: Eines Tages lag Calmonius noch im Bett inseiner kleinen Wohnung in der Rosenstraße, als er von der Straße herauf seinenNamen rufen hört; kriegerische Klänge mischten sich in diese Rufe. Er eilt im Hemdans Fenster und blickt hinaus. Was sieht er? Mitten auf dem Neuen Marktunter der gaffenden Menge sitzt der alte Dessauer, von seinem ganzen Generalstabumgeben, zu Pferde und winkt freundlich mit dem Hut. „Lebe wohl, lebe wohl,Calmonius!" ruft er, „ich ziehe in den Siebenjährigen Krieg!"
Auch Heine liebte seinen Calmonius. Schon am 10. Februar 1846 meldet erLassalle die große Nachricht: „Calmonius kommt in acht Tagen her mit IhrerSchwester! Gestern habe ich Briefe von ihm erhalten. Es scheint, daß das Zink-projekt, wozu ich die Initiation gab, ihm im Kopfe steckt. Ich freue mich sehr, ihnund Ihre Schwester zu sehen; ich bin neugierig, ob sie auch so feine, passionierteLippen hat. — Ich liebe Sie sehr, es ist ja nicht anders möglich, Sie quäleneinen so lange, bis man Sie liebt". Und auch im nächsten Briese schreibt erwieder: „Ich freue mich sehr auf die Herkunft Ihres Schwagers und IhrerSchwester"; im dritten Brief endlich meldet er schon, daß er mit Lassalles Schwestersehr viel zusammen sei und ganze Stunden lang von Ferdinand plaudere. „Siehat außerordentlich viel Geist und die köstlichste Aehnlichkeit mit Ihnen. Mit meinerFrau kommt sie sehr gut aus. In einigen Tagen will ich ihr bei mir ein großesDiner geben, wozu ich Roger, Balzac, Gautier, Gozlan u. s. w. einlade - könnteich Sie dabei sehen! So aus acht Tage möchte ich Sie wieder bei mir haben(nicht auf längere Zeit!)".
In der That hatte sich Heine, um es rund heraus zu sagen, in die SchwesterLassalles, also in Frau Friedland, ein wenig verliebt; die schöne und geistreicheDame hatte es ihm wieder einmal angethan. Da sie noch am Leben ist (sie wohntals Witwe in einer kleinen österreichischen Provinzialstadt unweit Wiens), geziemtes sich nicht, ein weiteres über diese Beziehungen, die ja selbstverständlich überjeden Verdacht erhaben sind, zu sprechen; begnügen wir uns mit der Konstatierungder Thatsache, daß Heine der liebenswürdigen Frau sehr stark die Cour machte,nebenbei aber auch von ihrem Gatten in die Geheimnisse der Börsenspekulation sicheinweihen ließ. So schreibt er einmal an Lassalle: „Auch mit der Börse habe ichmich wieder beschäftigt, obgleich mit großem Malheur. Ich muß das thun, sonst