Der Musenalmanach. 177
daß Chamisso aus dieser Sympathiebezeugung für Heine vielerlei Unannehmlichkeitenerwuchsen. Aber es ist sicher, daß der harmlose Poet über das humoristische Capriccioherzlich gelacht hätte, das Heine über diesen Schwabenstreich dichtete, wenn esihm zu Gesichte gekommen wäre. Den Lesern aber ist das „Testament" wohlbekannt, in dem Heine auch die schwäbische Dichterschule bedenkt. Und ebensohätte Chamisso herzlich gelacht, wenn er die humoristische Huldigung erlebt hätte,die Heine in seinen „Hebräischen Melodien" ihm gewidmet hat. Jeder kennt ausdiesem Gedicht die Erklärung, die Heine über den Ursprung des Wortes Schlemihlgiebt; aber nicht jeder weiß, daß Heine zuerst diese zutreffende Erklärung gegebenund dazu noch mit einer Motivierung, die selbst Chamisso unbekannt war.
„Was das Wort Schlemihl bedeutet,Wissen wir. Hat doch ChamissoIhm das Bürgerrecht in DeutschlandLängst verschafft, dem Worte nämlich.
Aber unbekannt geblieben,
Wie des heil'gen Niles Quellen,Ist sein Ursprung; Hab' darüberNachgegrübelt manche Nacht.
Zu Berlin vor vielen JahrenWandt' ich mich deshalb an unfernFreund Chamisso, suchte AuskunftBeim Dekane der Schlemihle.
Doch er tonnt' mich nicht bcfricd'genUnd verwies mich drob an Hitzig,Der ihm den FamiliennamenSeines schattenlosen PetersEinst verraten..."
Das übrige ist bekannt, soweit es die Entstehungsgeschichte des Schlemihlgedankensbetrifft, dem Heine noch in seinen letzten Lebenstagen ein poetisches Denkmal gesetzthat. Es ist aber bedauerlich, daß wir kein einziges Blatt aus dem Briefwechselzwischen Chamisso und Heine besitzen, das jedenfalls die Beziehungen zwischen denbeiden Dichtern klarer erhellt hätte, als es hier geschehen konnte. Dafür besitzenwir aber andere Zeugnisse, welche die geistige Sympathie und Wahlverwandtschastzwischen beiden Dichtern begründen, nämlich ihre Gedichte. Wer diese aufmerksamliest, kann keinen Augenblick bezweifeln, daß Chamisso auf Heine stark eingewirkthat. Seine Leidenschast und seine Schwermut, seinen Humor und seine Kraft,sein Kolorit und seine Plastik finden wir, allerdings in verstärktem Maße, bei Heinewieder. Auch Chamisso ist von der Romantik ausgegangen und hat sich späterdem modernen Empfinden zugewendet; auch er hat mit mittelalterlichen Gespenster-geschichten angefangen und später Byron und Napoleon besungen. Vor allem aberhat er mit Leidenschast und Schwermut, mit tiefer Empfindung und lebhaftemSchönheitsgesühl Frauenliebe und -leben besungen und dadurch vor allen: einennachhaltigen Einfluß aus Heine ausgeübt.
Karpeles, E., Heinrich Heine.
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